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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 00:23 Uhr

Studie : Lieben, saufen, fremdgehen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Mecklenburg-Vorpommern leben die glücklichsten Paare Deutschlands. Das hat eine Umfrage der Online-Partnervermittlung Parship ergeben. Doch paradoxerweise wird hierzulande zugleich oft fremdgegangen, kräftig getrunken und gedopt.

svz.de von
erstellt am 02.Dez.2015 | 11:45 Uhr

Mecklenburg-Vorpommern, das Land zum Leben? Wohl eher zum Lieben. Denn: In MV leben die glücklichsten Paare Deutschlands. Das behauptet die Online-Partnervermittlung Parship nach einer Umfrage. 76 Prozent der Pärchen im Land seien mit ihrer Beziehung vollends zufrieden. Erstaunlich: Zeitgleich trinken wir viel Alkohol, betreiben Doping – und zählen zu den unglücklichsten Menschen der BRD. Wie passt das zusammen?

MV ist anziehend

Mecklenburg-Vorpommerns Finanzämter verzeichneten 2014 die wenigsten Selbstanzeigen aller Bundesländer. Gerade einmal 24. Spitzenreiter ist Baden-Württemberg mit 7214 Selbstanzeigen. MV, das Steuerparadies der BRD? Vielleicht kommen deshalb so viele Touristen. Laut Spiegel der Statistik begrüßten die Beherbergungsbetriebe des Landes im letzten Jahr 7,3 Millionen Gäste – für 28,7 Millionen Übernachtungen. Die meisten von ihnen zog es nach Vorpommern; auf Rügen und Hiddensee. 370 000 ausländische Touristen reisten 2014 nach MV. Die Spitzenreiter: Schweden, Dänen und Niederländer. Auf 1000 Einwohner kamen 2014 17 982 Übernachtungen. Kein Bundesland hat eine höhere Tourismusintensität.

Liebestaumel und Liköre

Wir sind Erster. Zumindest bei der Rangliste der glücklichsten Paare in Deutschland, gefolgt von Bremen und Schleswig-Holstein. Herzen liegen in der Luft und Schmetterlinge tanzen im Bauch. Aber, halt! Lediglich 19 Prozent der Befragten im Nordosten geben an, dem Partner treu zu sein. Ein Paradoxon: Schier vor Glück betrunkene Paare – und nur jeder Vierte isst stets im eigenen Zuhause. 2014 wurden in MV 3054 Ehen geschieden. Rund 150 mehr als 2013. Warum sind die Paare zwischen Kap Arkona und Boizenburg so glücklich? Liegt es am Alkohol? Wir sind Spitzenreiter im Konsum von Spirituosen; zusammen mit Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Statistisch gesehen trinkt jeder Einwohner von MV 10,3 Liter pro Jahr. Das sind 15 Flaschen Schnaps. Am liebsten Klaren und Likör. Im Vergleich dazu kommen die Bayern gerade mal auf 3,9 Liter pro Kopf. Das zeigt der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure in einem Bericht vom letzten Jahr. Also: Die Pärchen im Land sind glücklich. Nur jeder Vierte ist treu. Oft schmeckt Hochprozentiges. MV tut gut.

Das Glück beziffern

Kann man Glück und Wohlgefühl messen? Die Deutsche Post versucht es seit vier Jahren – mit dem Glücksatlas der Deutschen. 2015 ist Mecklenburg-Vorpommern das Land mit der niedrigsten Lebenszufriedenheit. Noch im letzten Jahr langte es für den drittletzten Platz. Gründe dafür seien eine hohe Arbeitslosigkeit und geringe Löhne. Zur Einordnung: Im Schnitt erschuftet sich ein „Mecki“ 16 874,0 € Euro Einkommen pro Jahr – und damit 3604 Euro weniger als das bundesdeutsche Mittel. 81 400 Einwohner von MV waren im letzten Monat ohne Arbeit. Der Signal-Iduna-Park in Dortmund, Deutschlands größtes Stadion, wäre bis auf den letzten Platz gefüllt.

Stressfrei, aber gedopt?

Aufputscher, um im Job schneller und effektiver zu arbeiten? In Mecklenburg-Vorpommern durchaus üblich – und nicht mit Kaffee. Laut DAK-Gesundheitsreport 2015 haben insgesamt 92 000 Beschäftigte schon einmal für die Arbeit mit Medikamenten gedopt. Etwa 14 000 Erwerbstätige betreiben regelmäßig und gezielt Hirndoping. Beispielsweise mit Modafinil. Angeblich soll das Mittel strategisches Denken verbessern. Und dabei helfen, zügig Entschlüsse zu fassen.

Das widerspricht einer Aussage aus dem Jahr 2013. Damals gaben 57 Prozent der Befragten einer DAK-Umfrage an, sich weniger stressen zu wollen. Schon damals wurde Plackerei selten als gesundheitliche Sorge angesehen. Mit 33 Prozent hatte der Nordosten bundesweit den niedrigsten Wert. Der Blick auf den Krankenstand zeigt: Die guten Vorsätze scheinen von einer mecklenburgischen Böe weggepustet. Zwar hat die Zahl der Krankheitsfälle abgenommen. Doch auf 1000 Erwerbstätige fielen pro Tag 48 Arbeitnehmer aus – deutschlandweit waren es 39. Jeder Erwerbstätige im Land fehlte im Jahr 2014 17,5 Tage wegen einer Krankheit. Fast ein kompletter Arbeitsmonat. Häufig sind psychische Erkrankungen die Ursache, nicht selten trifft es junge Menschen.

In keinem Bundesland bekommen Studenten mehr Psychopharmaka verschrieben als in MV. Liegen Mecklenburger und Pommer flach, nutzen sie an vier Tagen im Jahr ein Antibiotikum. Laut der Techniker Krankenkasse liegt MV damit knapp unter dem deutschlandweiten Durchschnitt von fünf Tagesdosen.

Einzigartiges Studium

Alleine die Vorstellung: In MV die Alma Mater besuchen! Seine Zukunft dort bauen, wo andere Urlaub machen. Studieren mit Meerwert. Rund 40 000 Studenten sind zurzeit an einer der sieben Hochschulen des Landes eingeschrieben. Viele von ihnen stammen aus anderen Bundesländern. In Greifswald haben nur 30 Prozent der Studenten ihr Abitur in MV absolviert. Und was es alles gibt: An der Uni Rostock können Studenten ihren Master in Aquakultur abgelegen. Laut Curriculum erlernen sie „Kernkompetenzen im Bereich der marinen Fischaquakultur, des Sea-Ranchings und der Aquakultur aquatischer Algen.“ Ebenfalls möglich: das Studium des Klavierduos, angeboten von der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Der Lehrstuhl ist weltweit einzigartig.

Geflügelte Worte

Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast. Glücklich in einer Beziehung zu sein, heißt in MV nicht zwangsläufig, auch sonst mit einem Lächeln durch das Leben zu laufen. Viele haben Existenzängste; Druck im Job. Es tröstet, dass wir in der Liebe vorne zu liegen scheinen. „Das Glück“, sagte Albert Schweitzer einmal, „ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“

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