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Kunstprojekt für Kinder in MV : Leseratten und Spinnenkinder

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Stettiner Haff geben Mädchen und Jungen seit vier Jahren eigene Bücher und Kalender heraus – ein Künstlerehepaar leitet sie dabei an.

svz.de von
erstellt am 11.Jul.2017 | 11:50 Uhr

Robins Helden sind Spinnen. In seiner Geschichte bringt eine Spinnenmutter in einem Wald ihre Jungen zur Welt. Doch der Lebensraum der Krabbeltiere ist bedroht, Menschen holzen alles ab, was ihnen vor Axt und Motorsäge kommt. Die kleinen Spinnen sinnen auf Rache und haben tatsächlich eine rettende Idee…

Robin Streblow und die anderen Buchkinder am Stettiner Haff sind der beste Gegenbeweis dafür, dass Mädchen und Jungen heute nur noch Spaß an Computerspielen und Smartphones haben. Die 30 Mädchen und Jungen im Alter zwischen sieben und 13 Jahren lesen nicht nur Bücher, sie gestalten sogar selbst welche – mit eigenen Geschichten und Bildern.

Vor gut vier Jahren hatte das Künstlerehepaar Marion und Hartmut Hornung – sie ist Grafikdesignerin, er Bildhauer und Maler – die Idee zu diesem besonderen Freizeitangebot für Schüler der Klassen 1 bis 7. Ihr Sohn hatte ihnen damals ein lustiges Plakat der Bücherkinder Leipzig mitgebracht – eigentlich als Anregung für die eigene Arbeit. Doch der Gedanke, Kinder auf diese Weise für Bücher zu begeistern, gefiel beiden. „Die Kleine Grundschule hier bei uns in Ahlbeck kämpfte ein bisschen um ihren Erhalt – und da dachten wir, mit so einem coolen Projekt können wir eine Beitrag dazu leisten“, erinnert sich Marion Hornung.

Zoé Stegemann (links) liest Ronja Schmidt ihre neueste Geschichte über das Stettiner Haff vor.
Zoé Stegemann (links) liest Ronja Schmidt ihre neueste Geschichte über das Stettiner Haff vor. Foto: Karin Koslik

Inzwischen gibt es die Buchkinder auch an der Regionalen Schule in Eggesin, an jedem Mittwoch kommt dort eine „Bücherbande“ in eigenen Werkstatträumen zusammen. Sie alle verbindet, dass sie gerne lesen – freiwillig. Nur einer der Jungen gesteht, dass die Eltern wollten, dass er bei den Buchkindern mitmacht. Inzwischen aber kommt er freiwillig, weil es ihm Spaß macht – und wiel er allein im letzten Buch mit zwei Geschichten vertreten ist.

Zum Repertoire der Buchkinder gehören neben Jahreskalendern inzwischen eine ganze Reihe selbst gestalteter Bücher. Das erste griff die 100-jährige Schulgeschichte in Ahlbeck auf. Ein anderes fasst die Lieblingsrezepten der Buchkinder zusammen, „das hat uns richtig und auch über die Region hinaus bekannt gemacht“, meint Hartmut Hornung.

Die Kinder tun aber auch selbst eine Menge, um bekannt zu werden. „Lesungen, Ausstellungen, Buchmessen – wir machen alles, was zum Buch dazugehört“, erklärt Hartmut Hornung.

Hartmut Hornung hilft Nathalie Kley beim Mischen der Farbe
Hartmut Hornung hilft Nathalie Kley beim Mischen der Farbe Foto: Karin Koslik

Einige der Bücher bauen thematisch aufeinander auf. Und nicht selten wird an mehreren parallel gearbeitet„Als wir zum Beispiel noch an ,Im Tierpark Ueckermünde‘ arbeiteten, stand schon fest, dass ,Die Klimakonferenz der Tiere‘ unser nächster Titel wird“, so Marion Hornung.

Die Anregung zu dieser bislang letzten Veröffentlichung der Buchkinder kam von der Schriftstellerin Birgit Pätzold. Sie hatte anfragt, ob die Kinder die Illustrationen zu einem ihrer Texte liefern könnten. „Eigentlich machen wir das nicht, den bei uns bilden Texte und Bilder eine Einheit“, so Hartmut Hornung. Letztlich wurde aber ein Kompromiss gefunden: Rund um den Text von Birgit Pätzold ranken sich jetzt Geschichten und Bilder der Buchkinder – natürlich auch mit Bezug zum Thema.

Um die Kinder überhaupt erst einmal mit der Problematik des Klimawandels vertraut zu machen, organisierten Hornungs Exkursionen mit den Rangern des „Naturparks am Stettiner Haff“. So erfuhren die Mädchen und Jungen aus erster Hand, was den Eisvogel, den Specht, den Fischotter oder den Teufelsgraben als ihren Lebensraum bedroht. Ihre Geschichten stehen jetzt im Buch neben denen von Tigern, Eisbären, Robben, Wölfen und vielen anderen Tieren. Die Illustrationen stellen die Buchkinder im Besucherzentrum des Naturparks aus – eine Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen also.

Auf solche Gegenseitigkeit setzen Hornungs generell. „Wir haben schnell gemerkt, dass es ohne fremde Hilfe nicht geht“, erzählt Hartmut Hornung. „Schließlich kostet die traditionelle Buchkunst, der wir uns verschrieben haben, richtig Kohle.“ Mittlerweile haben die Buchkinder eine ganze Reihe von Sponsoren gewinnen können – angefangen beim Kreisverband der Volkssolidarität, der unter anderem mit seinem Fahrdienst dafür sorgt, dass auch Kinder aus weiter entfernten Orten zu den Werkstatt-Treffen kommen können bis hin zu Unternehmen und privaten Sponsoren aus der Region, der Ehrenamtsstiftung des Landes, dem Bundesbildungsministerium und noch vielen anderen.

Hartmut Hornung, der an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau eine Professur für Gestaltungsgrundlagen hat, brachte von dort 600 Quadratmeter nach Renovierungsarbeiten „ausrangiertes“ Linoleum mit – DDR-Qualität, die für Linolschnitte sehr viel besser geeignet ist als moderne Bodenbeläge. „Das reicht auf Jahre“, meint der Fachmann. Schließlich arbeiten die Kinder mit der Technik der „verlorenen Form“, bei der mit nur einem Druckstock nacheinander alle verwendeten Farben gedruckt werden. Alles, was an Formen und Farben stehen bleiben soll, wird vor dem jeweils nächsten Druckvorgang weggeschnitten. „Daher der Name: Es wird bewahrt, was verlorengeht“, erklärt Hartmut Hornung.

Nathalie Kley beim Linolschnitt
Nathalie Kley beim Linolschnitt Foto: Karin Koslik
 

Nathalie Kley hat es darin trotz ihrer gerade erst neun Jahre schon zu einiger Perfektion gebracht. Binnen zwei Stunden schafft sie zwei Fünffarb-Drucke. Sie sollen eine Pferdgeschichte illustrieren, die das Mädchen sich selbst ausgedacht hat.

Zoé Stegemann dagegen braucht schon mal vier Wochen für ein Bild. Dafür fließen die Texte nur so aus ihrer Feder, seitenlang und fehlerfrei. Das ist nicht bei allen Kindern so. „Kinder sollen alle Wörter ihres Sprachschatzes nutzen, um ihre eigene Form des Ausdrucks zu finden. Dabei spielt die Rechtschreibung erst einmal keine Rolle“, erklärt Marion Hornung, weshalb sie nur dann korrigierend eingreift, wenn ein Kind das ausdrücklich möchte. Manche Lehrerin und mancher Lehrer hätten damit ihre Probleme. „Wir nicht. Ein Kind, das schreibt, liest auch und so entwickelt sich irgendwann auch die richtige Schreibung“, ist Marion Hornung überzeugt.

Für Annabell Roßfeldt das „dienstälteste“ Bücherkind und als Einzige schon von Anfang an dabei, ist das Ganze kein Thema. Sie geht inzwischen aufs Gymnasium – und hat schon ganz allein ein Buch geschrieben. Demnächst soll es gedruckt werden – „in unserer neuen Reihe, von der wir noch nicht genau wissen, wie sie heißen soll“, erzählt Marion Hartung. Zwei bis drei der Büchlein sollen pro Jahr herauskommen, jeweils in einer 30er-Auflage. Das Interesse der Kinder daran ist groß, schließlich haben auch schon andere der Mädchen und Jungen ein ganzes eigenes Buch verfasst, die Schwestern Emmi und Kati Rumpf arbeiten sogar schon an ihrem zweiten – Emmi am Text, Kati an den Bildern.

Auch Robin schreibt gerade an einem Buch – einer ganz eigenen Version des Konsolenspiels „Minecraft“. Denn auch wenn der Elfährige allwöchentlich zu den Treffen der Buchkinder kommt und jeden Abend eine Dreiviertelstunde lang liest – ganz ohne Computer und Wii möchte er seine Freizeit denn doch nicht verbringen.

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