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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 11:48 Uhr

Hospiz : Leopold, der tierische Therapeut

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schloss Bernstorf ist Mecklenburg-Vorpommerns jüngstes Hospiz – dort zaubert auch ein Alpaka den Gästen ein Lächeln ins Gesicht.

Butterblumen mag Alpaka Leopold so wie Kinderschokolade. Mit zarter Hand reicht die 86-jährige Erna Bross im Gartenzimmer von Schloss Bernstorf bei Grevesmühlen dem neugierigen Vierbeiner eine Löwenzahnblüte. Sacht nimmt das südamerikanische Kamel, das einmal im Monat im Hospiz zu Gast ist, den Stängel mit den Lippen. Erna schmunzelt und lehnt sich entspannt zurück. Sie mag Tiere, wie sie sagt. Zu Hause an der Ostsee habe sie Enten, Hühner, Katzen gehabt. Unterdessen läuft „Leopold“ flott zum Fahrstuhl, der zu den Wohnräumen führt.

Das denkmalgeschützte Gutshaus Bernstorf wurde vor einem Jahr als jüngstes von sieben stationären Hospizen in Mecklenburg-Vorpommern eröffnet. Es bietet 16 von landesweit 72 Plätzen zur Versorgung Sterbenskranker. Die Kosten für Pflege und Aufenthalt übernehmen zu 90 Prozent die Krankenkassen, der Rest wird durch Spenden finanziert.

Dem Sozialministerium zufolge gibt es im Nordosten ausreichend Hospizbetten und eine gute Verteilung der Standorte. Neben den Heimen seien 21 ambulante Dienste tätig, denn die meisten unheilbar Kranken wollten zu Hause sterben, heißt es.

Für einen Umzug ins Hospiz Bernstorf entschied sich Hans-Joachim Schaeffer, Sprachwissenschaftler aus Mainz. In Ratzeburg aufgewachsen, habe er immer wieder nach Norddeutschland zurückgewollt, sagt der 78-jährige Professor. „Meine Heimat ist hier, und mir gefällt die Atmosphäre.“ Allerdings vermisse er seine verstorbene Frau, auch das Reisen und den Beruf natürlich. Gerade noch habe er eine Übersetzung fertiggestellt, berichtet der Linguist. Jetzt seien seine Bücher in Kisten verstaut, er rede lieber statt zu lesen. Besonders gern erzähle er von seinem Leben und genieße es, wenn die Söhne zuhören. „Man muss loslassen, so viel loslassen.“

Abschiednehmen füllt die Tage auf dem sanierten Schloss in Nordwestmecklenburg. Ermöglicht werde dabei vieles, was das Leben schön und leichter macht, meint Pressesprecherin Britta Borgwald. Frische Luft, der Blick in die idyllische Natur, Musik, Lesen, Gespräche und ganz wichtig: gut essen. Ein Koch fragt die Bewohner jeden Tag nach ihren Wünschen. Ob Brathering, Spargel, Sauerkraut, kaltes Bier oder temperierter Rotwein, sogar die Zigarette zum Kaffee darf sein. Es gehe ja nicht um Lebensverlängerung, sondern darum, viel Leben in wenigen Tagen unterzubringen, sagt Borgwald.  Ein Alpaka ist so ein intensives Erlebnis und Therapie zugleich, wie Besitzer Marco Holter betont. Der Tiertrainer betreut mit seinen Alpakas auch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, regelmäßig kommt er nach Bernstorf.  Leopold schaut jetzt mit großen Augen Professor Schaeffer an. Der lässt eine Hand bedächtig durch das seidenweiche Fell des Besuchers gleiten. Alpakas begegneten Menschen vorurteilsfrei und freundlich, sagt Holter. Das sei wie Wellness für Körper und Seele und wirke auf die meisten Schwerkranken beruhigend. „Manch einer schafft es sogar kurz aus dem Bett, um Leopold zu streicheln, und ist danach wie aufgeräumt.“

Für das Tier ist so ein Tag im Schloss harte Arbeit. Das drei Jahre alte Alpakamännchen lasse sich vollkommen und hochkonzentriert auf jeden Einzelnen ein, erklärt Holter. Dabei genieße es die liebevolle Zuwendung.

Für die Kranken, die hier nicht „Patienten“ sondern „Gäste“ heißen, bedeute der tierische Besuch Abwechslung vom Alltag. „Alles was guttut, verbessert die Lebensqualität der Pflegebedürftigen.“ Neben naturheilkundlichen Verfahren gehöre im Schloss seit Anfang dieses Jahres die tiergestützte Therapie zu den schonenden Methoden, Schmerzen zu lindern, erklärt Hospizsprecherin Borgwald. Somit könnten weniger Medikamente wie etwa Morphium eingesetzt und störende Nebenwirkungen reduziert werden. „Klar sein im Kopf steigert das Wohlbefinden und bringt mehr Freude in die letzten Lebenstage.“
 

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