Jobs für Schwerbehinderte : Leistungsfähig mit Handicap

Benjamin Kneerich packt im Cap-Markt Ware aus.
Benjamin Kneerich packt im Cap-Markt Ware aus.

Weiter schwierige Bedingungen für Behinderte im Job: Die Vorbehalte von Arbeitgebern ihnen gegenüber sind groß

svz.de von
18. Februar 2018, 21:00 Uhr

Benjamin Kneerich ist sich sicher: Auf dem ersten Arbeitsmarkt hätte er mit seiner Stoffwechselerkrankung nur wenige Chancen. Umso glücklicher ist der 28-Jährige, dass er im neuen Cap-Markt in Rostock als Verkäufer arbeiten kann. Das Konzept der bundesweit agierenden Kette beruht darauf, Menschen mit Handicap Jobs nahe am allgemeinen Arbeitsmarkt zu bieten. Dies ist bei Kneerich der Fall: Er hat einen Grad der Behinderung von 40 und muss dauerhaft Medikamente nehmen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass viele Arbeitgeber Angst haben, Menschen mit Handicap einzustellen. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt. So kommt es, dass viele Behinderte ausgegrenzt und stigmatisiert werden.

Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern müssen mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Behinderten besetzen. Tun sie das nicht, müssen sie eine Strafe zahlen.

Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) wirbt bei Unternehmern, Behinderten eine Chance zu geben: „Unsere Gesellschaft muss viel stärker als bisher die Potenziale von Menschen mit Behinderungen erkennen und fördern.“ Viele Menschen mit Schwerbehinderung seien leistungsfähig, hoch motiviert und ein Gewinn für Unternehmen. Sie verweist auf die ausreichend vorhandene Förderung von Land und Bund.

Nadine Berninger ist als Cap-Filialleiterin auf die Bedürfnisse ihrer Angestellten eingerichtet. Sechs ihrer zwölf Mitarbeiter haben ein Handicap. „Wir haben jeden Tag andere Voraussetzungen“, berichtet sie. Im regulären Einzelhandel seien die Angestellten viel auf sich selbst angewiesen. „Wir arbeiten mehr im Team.“ Manche Dinge müssten halt mehrfach erklärt werden. Auch an der Kasse gehe es manchmal langsamer voran, weil ihre Leute etwas schüchterner sind.

„Auf der Suche nach neuen Wegen bei der Fachkräftesicherung berücksichtigen Unternehmen im Land das Potenzial geeigneter behinderter Personen“, bekräftigt Jens Matschenz, Geschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände. In MV erschwere aber die besonders kleinteilige Wirtschaftsstruktur deren Einstellung ganz erheblich. Bei großen Unternehmen liege der Anteil der „Pflichtarbeitsplätze für Behinderte“ oft über fünf Prozent. „Je kleiner die Betriebe, desto schlechter ist die Behindertenquote.“ Dagegen löse sich das alte Vorurteil, dass Behinderte weniger belastbar seien, allmählich auf. „Aber nicht jede gute Erfahrung mit hoch engagierten behinderten Mitarbeitern ist eins zu eins auf andere Unternehmen übertragbar“, erklärt Matschenz. Auch der bestens gewillte Chef müsse auf die jeweils konkreten Fähigkeiten achten und werde Aufwand und Passgenauigkeit abwägen.

Die landesweit acht Cap-Märkte gehören zu den 22 Integrationsfirmen, die vom Landesamt für Gesundheit und Soziales mit insgesamt 745 000 Euro gefördert werden.

In  MV leben 185 000 Schwerbehinderte

In Mecklenburg-Vorpommern mit rund 1,6 Millionen Einwohnern leben rund 185 000 Menschen, die einen Schwerbehindertenausweis haben. Das entspricht gut 13 Prozent der Gesamtbevölkerung, bundesweit beträgt der Anteil knapp 10 Prozent. Auch in einer anderen Statistik fällt der Nordosten auf. Rund 80 Prozent der arbeitslosen Schwerbehinderten haben einen Berufsabschluss, bundesweit sind es 60 Prozent.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen