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Projekt zur NS-Vergangenheit : Leichen im Keller der Uni Greifswald

vom

Am 23. Februar 1943 listet die Philosophische Fakultät der Greifswalder Universität ihre kriegswichtigen Sonderaufträge auf. Dieses und weitere Dokumente aus der Nazi-Zeit sind jetzt im Internet zugänglich.

Greifswald | Am 23. Februar 1943 listet die Philosophische Fakultät der Greifswalder Universität ihre kriegswichtigen Sonderaufträge auf. "Das Physikalische Institut untersteht unmittelbar dem Rüstungskommando und gilt als Wehrmachtsbetrieb", heißt es in dem Dokument, das jetzt wie viele andere Original-Materialien aus der Nazi-Zeit durch ein Projekt der Uni Greifswald im Internet zugänglich ist. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiten die Physiker an fünf kriegswichtigen Geheimprojekten, darunter für das Reichsluftfahrtministerium und das Heereswaffenamt. Für alle Projekte, die in dem Dokument lediglich eine Code-Nummer tragen, bestehe "höchste Dringlichkeitsstufe", heißt es. Über den genauen Inhalt der Rüstungsforschung ist bis heute wenig bekannt, berichtet Dirk Alvermann, Leiter des Universitätsarchivs.

Die Verstrickung der Uni Greifswald mit dem NS-System spiegelte sich auf verschiedenen Ebenen wider, wie seit gestern ein Blick auf die Internetseite www.ns-zeit.uni-greifswald.de zeigt. Anfang 2011 hatte die Hochschule beschlossen, ein Projekt zur Erforschung der eigenen Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 zu starten. "Die Universität ist seit Jahren bemüht, das Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus und das in dieser Zeit verursachte unendliche Leid zu bewahren", begründete Prorektor Frieder Dünkel und erinnerte an die alljährliche Gedenkfeier für die NS-Opfer am 27. Januar.

Überreste erst 1947 beigesetzt

Am 27. November 1944 beklagt sich der Direktor des Anatomischen Instituts, Professor Pfuhl, in einem Brief über den schlechten Zustand der für die Präparationskurse gelieferten Leichen. Er bittet um Nachschub. "Der Bedarf an Leichen ist ziemlich groß", schreibt Pfuhl an den Oberpräsidenten in Stettin und unterbreitet den Vorschlag, Leichen aus Gefängnissen und Dienststellen der Gestapo sowie von Militärgerichten, "deren Beerdigung nicht notwendig ist, der Greifswalder Anatomie" zu überweisen - möglichst als "Eilgut". Erst im Januar 1947 werden die Überreste von 69 NS-Opfern beigesetzt.

Trotz teilweise sehr guter Vorarbeiten in den 1980er-Jahren habe eine systematische Aufarbeitung der NS-Wissenschaftsgeschichte bisher nicht stattgefunden, sagt Alvermann. Die nationalsozialistische Geschichte der Hochschule erlebte mehrere Phasen, die Phase der Gleichschaltung unmittelbar nach der Machtergreifung, die Mobilisierung zwischen 1936 und 1939 und die Kriegsphase bis 1945, wie Archivleiter Alvermann berichtet. Die Greifswalder Alma Mater hat die im Zuge der Verordnung vorgegebenen Begrenzungen von 1,5 Prozent für die Immatrikulation von Nicht-Ariern sogar unterboten. Intern sei eine Marke von 0,15 Prozent beschlossen worden, "um den befürchteten Zuzug von Juden, denen eine Immatrikulation an anderen Universitäten versagt wurde, zu verhindern."

Dozenten, die dem Regime kritisch gegenüberstanden, wurden in den Ruhestand versetzt. Elf Prozent des Greifswalder Lehrkörpers fielen allein der ersten Säuberungswelle nach der Machtergreifung zum Opfer. Trotzdem gab es auch aktiven Widerstand an der Universität wie den Studentenpfarrer Alfons Maria Wachsmann, der 1943 denunziert und 1944 hingerichtet wurde.

"Uns geht es darum, ein Gesamtbild zu erkunden, das Handlungsmöglichkeiten und -zwänge und die ihnen zugrundeliegenden Motive und Strukturen offenlegt", sagt Alvermann.

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erstellt am 20.Dez.2011 | 10:51 Uhr

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