Lehrerausbildung nach Bedarf

Bildungsminister Henry Tesch
Bildungsminister Henry Tesch

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05. April 2010, 06:52 Uhr

Schwerin | Krach in der Koalition: Der Bildungsexperte der SPD-Landtagsfraktion, Mathias Brodkorb, hat unter dem CDU-geführten Bildungsministerium "ein Chaos in der Lehrerbildung" ausgemacht. Mit Bildungsminister Henry Tesch sprach Max-Stefan Koslik.

Wie viel Chaos gibt es derzeit wirklich bei der Lehrerbildung?

Tesch: Von Chaos kann keine Rede sein. Der Lehrkräftebedarf kann auch zukünftig aus eigener Kraft abgesichert werden. Das bedurfte allerdings eines Umsteuerns, das wir bereits vor drei Jahren eingeleitet haben - ein Umsteuern das ausgerichtet ist auf den tatsächlichen Bedarf an Lehrkräften. Und in dieser Umstellungsphase befinden wir uns jetzt. Klar ist, dass künftig keine Referendare eingestellt werden können, die nicht dem Lehrkräftebedarf des Landes entsprechen. Dazu habe ich eine Bedarfsanalyse veranlasst, die inzwischen bis zum Jahr 2020/21 mit dem Finanzministerium abgestimmt ist. Sie erfasst den Bedarf an Lehrkräften für die verschiedenen Schularten und Unterrichtsfächer. Darüber hinaus gibt sie einen Ausblick bis 2030 über den quantitativen Lehrkräftebedarf. Und an diesem Bedarf haben wir uns zukünftig bei der Ausbildung und Einstellung von Lehrerkräften zu orientieren! Damit gehen wir erstmals in Mecklenburg-Vorpommern gezielt in eine Personalentwicklung bei den Lehrerinnen und Lehrern.

Herr Tesch, die SPD macht Druck bei der Bedarfsplanung für Lehrer. Haben Sie die Zeichen der Zeit verschlafen und die entstandene Diskrepanz zwischen Ausbildung und tatsächlichen Bedarf übersehen?

Schon im Herbst 2007 und damit zu Beginn meiner Amtszeit habe ich auf das drängende Problem des drohenden Lehrermangels in der Zukunft, wenn wir dieses Problem nicht sofort konsequent angehen, aufmerksam gemacht. Seit dem arbeiten wir intensiv an diesem Thema. Nach so vielen Jahren ungesteuerten Vorgehens einen Paradigmenwechsel vornehmen zu müssen, ist ein schmerzhafter Prozess. Aber wir haben damit begonnen. Meine Präsidentschaft in der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) 2009 habe ich dazu genutzt, die "Stralsunder Beschlüsse" zu Einstellung und Ausbildung von Lehrern mit meinen Kollegen aus allen Bundesländern zu vereinbaren. Damit ist erstmals zwischen den Ländern eine gemeinsame Bedarfsplanung verbindlich vereinbart worden. Die Länder haben sich verpflichtet Maßnahmen zu ergreifen, um den sich abzeichnenden Lehrereinstellungsbedarf zu decken.

Wie soll künftig die gleiche Situation bewältigt werden, ohne dass die Hochschulabsolventen lange auf einen Platz im Vorbereitungsdienst warten müssen?

Wir haben schnell reagiert, in dem wir Lehramtsstudenten für das Gymnasium angeboten haben, ihr Referendariat auch an einer Grund- oder Regionalschule zu absolvieren. Mit dieser Möglichkeit können wir zum einen den Bedarf insbesondere an den Grundschulen decken, zum anderen können schon jetzt 24 Lehramtsstudentinnen und -studenten ohne Wartezeit ihre Ausbildung in Mecklenburg-Vorpommern fortsetzen und können damit sogar zwei Abschlüsse erlangen. So gestalten wir aktiv den Übergang in das neue System. Wir wissen alle, dass gerade diese Übergänge Probleme bereiten können. Diese Lösung kommt allen zu Gute. Darüber hinaus vereinbare ich mit den Hochschulen gerade neue Wege zur Steuerung von Bedarf und Nachfrage. Dabei sollen auch Studierende während des Studiums in andere Lehrämter umgelenkt werden.

Die Hochschulen bilden aus, nehmen auf. Wie wollen Sie vermeiden, dass in den kommenden Jahren mit Blick auf die Hochschulautonomie dieser Zustand seine ungezügelte Fortsetzung findet?

Wir sind im Moment dabei, die Eckwerte für die Zielvereinbarungen des Landes mit den Hochschulen zu erarbeiten und zu verhandeln. Dabei geht es im Sinne einer größeren Flexibilität auch um Vereinbarungen mit den Hochschulen über einen kürzeren Zeitraum als den bisherigen 5-Jahrenrhythmus, um schneller und bedarfsgerechter auf die Lehramtsausbildung reagieren zu können. Nicht zuletzt kommt es nicht nur auf die Zahl der Lehrer an, sondern auch welche Lehrer wir brauchen. Da über Jahre nicht für die Grundschulen und Regionalschulen ausgebildet wurde, besteht hier ein besonderer Nachholebedarf. Und hier irren manche, wenn sie glauben, nur mit Druck auf die Universitäten die richtigen Entwicklungen erzwingen zu wollen. Das Wahlverhalten der künftigen Studenten kann nicht verordnet werden. Wir müssen alle aktiv für einen schönen Beruf werben.

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