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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 08:35 Uhr

Lehrer laden Kummer bei Minister ab

vom

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erstellt am 13.Apr.2012 | 07:08 Uhr

Rostock/Schwerin | Am ersten Tag nach seinem Osterurlaub zieht es Bildungsminister Mathias Brodkorb gleich an die vorderste Front: Im Schweriner Goethe-Gymnasium stand gestern die zweite Runde der Lehrersprechstunden an, die der SPD-Politiker nach seinem Amtsantritt eingeführt hat. Die Nachfrage ist, wie schon im März in Rostock, so groß, dass ein zweiter Termin anberaumt werden muss. Auch in Neubrandenburg sind schon zwei statt des ursprünglich geplanten einen Termins geplant. Ähnlich ist es in Greifswald.

Die Schulen im Land sind eine einzige große Baustelle, auf der vieles nicht richtig klappt. Die Stichworte lauten Inklusion, Stundenausfall, Lehrermangel, zu wenige Förderstunden.

Mehr Geld wird es nicht geben, der Landeshaushalt ist Gesetz. Das macht Brodkorb stets gleich zu Beginn seiner Gesprächsrunden mit Lehrern und Eltern klar. Aber genau das - mehr Geld - wird gerade an den Grundschulen gefordert. Die Lehrer sogenannter Inklusionsklassen - die lernbehinderte Kinder in den Regelunterricht integrieren - sehen sich durch die zusätzlichen Aufgaben überlastet. Sie wollen mehr Lehrkräfte, mehr Förderstunden und mehr Weiterbildung.

Die Dummerstorfer Grundschullehrerin Yvonne Kißhauer-Müller erzählt dem Minister, dass sie in ihrer 2. Klasse 26 Kinder unterrichtet, von denen 11 Mädchen und Jungen Förderbedarf haben. Darunter seien Kinder, die autistisch sind und kaum sprechen, und solche, die über Tisch und Bänke gehen. "Ich sitze oft nächtelang an den Unterrichtsvorbereitungen, weil ich gern jedem Kind gerecht werden möchte", sagt sie. Möglich sei das aber nicht, die Förderkinder verlangten nach ungeteilter Aufmerksamkeit. Ohne spezielle Ausbildung fühle sie sich oft überfordert. Schulleiter Ulrich Schult fragt besorgt: "Und was mache ich erst, wenn Lehrer durch den Dauerstress ausfallen?"

Ruhig und ernst hört sich der Minister die Nöte an. "Aber warum haben sie diese Unterrichtsform vor zwei Jahren gewählt?", will er wissen. Überraschte Gesichter, Raunen. Nein, begeistert sei kein Lehrer gewesen. Man habe den "Erwartungen höherer Stellen" entsprochen und gehofft, dass die Schulen bald besser ausgestattet würden. Nun schaut Brodkorb überrascht: "Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie man etwas beginnen kann, für das weder die personellen noch sachlichen Voraussetzungen geschaffen wurden." Jede neue Unterrichtsform müsse doch ausreichend vorbereitet und erprobt sein. Per Anordnung oder Beschluss funktioniere so etwas nicht. Da gelte es auch, Behörden oder Schulämtern zu widersprechen. Die Folgen eines übereilten Starts lägen nun auf der Hand.

Im gesamten ehemaligen Landkreis Bad Doberan waren 2009 flächendeckend die Inklusionsklassen nach einem Rügener Modell eingeführt worden und die bis dahin vorhandenen Diagnoseförderklassen (DFK) abgeschafft worden. In diesen DFK-Klassen hatten Kinder mit Lernbehinderungen in kleiner Klassenstärke drei Jahre lang Zeit, den Stoff von zwei Schuljahren zu bewältigen. Nun gibt es Überlegungen, diese DFK-Klassen wieder einzuführen. Das Inklusionsmodell sei nur bei höherer Lehrerzahl sinnvoll, meinen manche der Anwesenden.

Mathias Brodkorb sieht "systemische Fehler". Er verspricht, sich mit seinem Ministerium bei Veränderungen mehr Zeit zu lassen und alle Beteiligten mitzunehmen. Und er bittet, an neuen Modellen aktiv mitzuwirken, sich einzubringen und sich nichts überstülpen zu lassen. Die Inklusionsklassen sollen langfristig auf den Beratungstisch kommen. Weil sie bei entsprechenden Rahmenbedingungen durchaus sinnvoll sein könnten.

"Aber was ist mit den Kindern, die jetzt unterrichtet werden? Wir brauchen Sofort-Lösungen", wenden Eltern von Dummerstorfer Schülern ein. Sie treibt die Sorge um, dass die Grundschüler aus Inklusionsklassen den geforderten Lernstoff nach vier Jahren nicht beherrschen. Brodkorb regt an, gemeinsam darüber nachzudenken, ob es nicht möglich sei, kurzfristig Kräfte umzuverteilen. Statt vieler Freizeitangebote besseren Unterricht zu organisieren, der allen Spaß bereite.

"Konzentrieren Sie sich auf das Kerngeschäft", rät er. "Lassen Sie andere Tätigkeiten beiseite."


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