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Stasi-Check als Voraussetzung für Weiterbildungsberechtigung : Lehrärztin nur mit Persilschein

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Die Dabeler Landärztin Dr. Elke Brandt ist sauer. Sie kann nicht verstehen, dass vor dem Zugang zu dem von ihr so geliebten Beruf eine weitere Hürde errichtet wurde, die sie für Arbeitsbeschaffung für die Behörde hält.

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erstellt am 06.Feb.2013 | 07:52 Uhr

Sternberg | "Wie müssen diese Informanten sich ins Fäustchen lachen, wenn sie mitkriegen, wie ernst wir es nehmen mit ihren oft schludrigen Aufzeichnungen, wie sie nach Belastungsmaterial durchforstet würden, wie sie zu Schicksalsentscheidungen über Menschen gebraucht werden könnten. Wie man sie dazu benutzte, einander um Lohn und Brot zu bringen und von begehrten Posten fernzuhalten."

Aus "Stadt der Engel" von Christa Wolf

Sie habe Christa Wolf, die große Schrifststellerin, einst in ihrer Praxis behandelt, erzählt Dr. Elke Brandt. Doch nicht deshalb hat sie sich an unsere Zeitung gewandt. Und nicht deshalb hat sie das Zitat der Schriftstellerin unserem Gespräch in ihrer Dabeler Landarztpraxis vorangestellt.

Dr. Elke Brandt ist sauer. Sie kann nicht verstehen, dass vor dem Zugang zu dem von ihr so geliebten Beruf noch eine weitere Hürde errichtet wurde. Seit 1996 bildet sie in ihrer Landarztpraxis, die zugleich Lehrpraxis der Rostocker Universitätsmedizin ist, neben Studenten auch Assistenzärzte für das Fach Allgemeinmedizin aus. Auch im Moment beschäftigt sie wieder eine Assistenzärztin - ihre eigene Tochter Catharina. Ausgerechnet, als sie die dafür erforderlichen Genehmigungen bei der Ärztekammer in Rostock einholen wollte, tat sich ein unerwartetes Hindernis auf. "Man teilte mir mit, dass mit der alten Weiterbildungsordnung auch meine Ausbildungsberechtigung ausgelaufen sei und dass ich deshalb eine neue beantragen sollte", erinnert sich die Medizinerin. Eine Reihe von Formularen musste ausgefüllt werden, und als Nachweis der persönlichen Eignung ein "Persilschein" der Stasiunterlagenbehörde beigelegt werden.

"Neben der bürokratischen Erschwernis erschließt sich mir der Sinn dieser Aktion nicht - außer als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Stasi-Unterlagenstelle", erregt sich Dr. Brandt. Dabei hatte sie selbst gar keinen Mehraufwand: Weil sie in den 90er-Jahren Vertragsärztin der Bundeswehr war, hatte sie schon vor langer Zeit die entsprechende Bescheinigung beantragt und konnte sie der Ärztekammer vorlegen. "Aber ich frage mich, warum das alles? Ich bin jetzt 54 Jahre alt, zur Wende hatte ich gerade meine Facharztausbildung abgeschossen - wem hätte ich geschadet haben sollen?" Das Gros der Kollegen, die sich ebenfalls für die Weiterbildung des Ärztenachwuchses engagierten, sei mittlerweile deutlich jünger als sie selbst, hätte also erst recht keine DDR-Vergangenheit mehr. "Wenn nach der alten Weiterbildungsordnung, die aus dem Jahr 1996 stammte, so ein Nachweis gefordert worden wäre, hätte ich das ja verstanden - aber jetzt, 23 Jahre nach der Wende? " Zumal: So wie Christa Wolf es formuliert hätte, sei längst nicht alles wahr, was in den Stasi-Akten stünde. Sie selbst zum Beispiel hätte im bulgarischen Plowdiw studiert - in ihrer Akte hatte die Staatssicherheit "Plowdiw in Ungarn" notiert.

Bei der Ärztekammer versteht man die Aufregung der Dabeler Ärztin nicht. "Nicht die Änderung der Weiterbildungsordnung, sondern die des Stasi-Unterlagengesetz es ist für das veränderte Antragsprocedere verantwortlich", erklärt Ärztekammerpräsident Dr. Andreas Crusius. "Früher konnten wir als Kammer bei der Behörde anfragen, die Ärzte hatten sich damit - offenbar oft, ohne sich dessen bewusst zu sein - per Unterschrift einverstanden erklärt. Nach der Gesetzesänderung können sie aber nur noch selbst den entsprechenden Antrag stellen." Im Interesse einer "humanistisch sauberen Ärzteschaft" sei es auch heute noch wichtig, diejenigen herauszufiltern, die den hippokratischen Eid gebrochen und die ärztliche Schweigepflicht verletzt hätten. "Wir kennen Dutzende Ärzte, die mit den Befunden ihrer Patienten sofort zur Stasi gelaufen sind", so Crusius. Im Übrigen würden auch die Kollegen überprüft, die aus den alten Bundesländern nach Mecklenburg-Vorpommern kämen und hier ihren Beruf ausüben wollten. "Schließlich gab es auch dort 8000 Stasi-IM", betont der Ärztekammerpräsident.

Dr. Elke Brandt aber fragt: "Soll etwa sogar meine 29-jährige Tochter noch nachweisen, dass sie kein IM war, wenn sie später die Praxis weiterführen und hier junge Leute ausbilden will?"

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