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Abgesackte A20 bei Tribsees : „Legosteine für Erwachsene“

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Hoffnungen am versackten Teilstück der A 20 liegen auf einer Behelfsbrücke aus der strategischen Reserve des Bundes

von
erstellt am 17.Okt.2017 | 20:45 Uhr

Bei Marion Buchholz in Langsdorf im Trebeltal (Vorpommern-Rügen) kostet die Kohlroulade heute nur 6,50 Euro. Trotzdem ist der Gastraum ihres kleinen Restaurants zur besten Mittagszeit leer. Seit Ende September die Ostseeautobahn in Fahrtrichtung Rostock komplett gesperrt ist, schiebt sich die Blechlawine direkt an ihrem Gasthaus vorbei. „Es ist laut, schmutzig und nervig“, fasst die Wirtin ihre aktuelle Stimmungslage zusammen. Ältere Leute aus der Umgebung, vor Wochen noch Stammkundschaft, meiden wegen des Verkehrschaos derzeit ihr Auto und kommen nicht. Brummifahrer, die mit der Umleitung mehr als eine halbe Stunde Zeit verlieren, haben es eilig und halten auch nicht am „Rasthof Buchholz“.

 

Nur drei Kilometer Luftlinie vom Rasthof entfernt bittet Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) auf dem gesperrten Stück der Ostseeautobahn zur Pressekonferenz. Seine Botschaft: „Alle Behörden geben ihr Bestes bei der Lösung des Problems.“ Hinter ihm klafft ein riesiger Krater von 60 Metern Länge, 10 Metern Breite und 2,50 Metern Tiefe. Etwa tausend Kubikmeter Sand sind unter der Fahrbahn hinter der Trebelbrücke in Richtung Rostock versackt und weggerutscht.

Wichtige Fragen beantwortet Pegel indes nicht. Wann wird der Verkehr wieder normal über das Teilstück der A    20 rollen? In zwei Jahren oder in drei? „Zum jetzigen Zeitpunkt lass ich mich nicht auf einen Termin festnageln“, so der Minister.

Warum ist der Boden unter der Autobahn weggesackt? War es Pfusch am Bau und wenn ja, wer hat Schuld? „Wir konzentrieren uns voll auf den Blick nach vorn“, weicht Pegel aus, räumt dann aber ein, dass das Bundesamt für Straßenwesen bereits Untersuchungen eingeleitet hat.

Der Blick nach vorn richtet sich in den kommenden Tagen vor allem auf die andere Fahrbahnseite. In Richtung Grimmen soll der Verkehr noch so lange wie möglich einspurig weiter rollen. „Doch dass der der Sand auch dort nachgibt, ist eine Frage der Zeit“, erklärt der Direktor des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr, Manfred Rathert. Die Fahrbahn wird deshalb zweimal am Tag und auch nachts auf Risse und Verformungen kontrolliert. Sollten Veränderungen eintreten, muss auch diese Seite sofort gesperrt werden.

Dann wird sich die Blechlawine auf der Umleitung vorbei am „Rasthof Buchholz“ in Langsdorf auf 18.000 Fahrzeuge pro Tag verdoppeln.

Welche Umleitungsstrecken jeweils aktuell nutzbar sind, ist ab sofort auf der Homepage des Landesamtes  www.strassenbauverwaltung.mvnet.de abrufbar und auch über die Webseite des Verkehrsministerium www.regierung-mv.de/Landesregierung/em verlinkt.

Ein weiteres Problem ist, dass die nächste Autobahnauffahrt in Richtung Rostock bei Bad Sülze bereits seit längerer Zeit wegen Bauarbeiten gesperrt ist und die Umleitung damit bis zur Auffahrt Sanitz verläuft. Anfang November soll die Auffahrt Bad Sülze wieder freigegeben werden.

Auch die aktuell benutzten Umleitungsstraßen werden täglich auf Risse und Verformungen kontrolliert, sagt der Direktor des Landesamtes. Denn auch diese Trassen wurden zum Teil auf Moorboden gebaut. Mehrstündige Nutzungen als Umleitungen – etwa bei Sperrungen der Autobahn nach Verkehrsunfällen – seien kein Problem. Bei dauerhaften Belastungen könnten aber Veränderungen an der Fahrbahn nicht ausgeschlossen werden.

 

Die Hoffnungen der Verantwortlichen liegen deshalb auf einer Behelfsbrücke. „Der Bund hat bereits signalisiert, entsprechende Brückenteile aus seinen strategischen Reserven zur Verfügung zu stellen“, sagt Pegel. Man müsse sich die Teile wie „Legosteine für Erwachsene“ vorstellen. Einzelnen Segmente werden auf Großbohrpfähle gelegt und miteinander verbunden.

„Wir haben in der vergangenen Woche bereits die Planung und das erforderliche Bodengutachten in Auftrag gegeben“, so Rathert. Wenn die Planung bis zum Jahresende abgeschlossen ist, könnte zu Anfang 2018 mit den Bauarbeiten begonnen werden. Ob die Brücke dann bis zum Beginn der Sommerferien freigegeben werden kann, könne bislang nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, meint der Direktor.

Ärgerliche Staus auf der Ostseeautobahn in der Urlaubszeit werden sich mit der Behelfsbrücke wohl nicht vermeiden lassen, zumal sie voraussichtlich in jeweils beiden Richtungen nur einspurig sein wird. Aber zumindest am „Rasthof Buchholz“ in Langsdorf und in den anderen Orten an der Umleitung könnte dann wieder Normalität einkehren.

Kommentar von Michael Seidel: Fataler Schlachtruf

Die A20 war anfangs der ganze Stolz der Verkehrsplaner. So schnell wurde noch nie eine Bundesautobahn gebaut. Doch längst ist sie ein Albtraum. Vorige Woche titelten wir „Der späte Fluch von Sause-Krause“. Dabei hatte der ostdeutsche Kurzzeit-Bundesverkehrsminister Günter Krause (CDU) mit dem von ihm durchgeboxten „Bundesverkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz“ den Amtsschimmel ganz schön auf Trab gebracht. Bis dato brauchte eine neue Autobahn 15 bis 20 Jahre vom Plan bis zur Fertigstellung. Das gestraffte Genehmigungsverfahren blieb aber eine Ost-Ausnahme. Kürzlich schrieb der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) der neuen Regierung ins Stammbuch, bei der Verkehrsinfrastruktur möge sie die angekündigte „Investitionswende“ endlich mit Leben erfüllen – inklusive eines bundesweit geltenden Planungs- und Beschleunigungsgesetzes.

Noch ist zwar ungeklärt, warum die A20 absackt. Der Streit um 15 oder 18 Zentimeter dicke Säulen wird sich auflösen, sobald das Stützwerk irgendwann entblößt ist und vermessen werden kann.

Unstrittig war die A20 als „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 10“ eine Wohltat. Statt der Tagesreise etwa von Schwerin nach Stralsund braucht es nur noch 1,5 Stunden. Vom Verkehrsaufkommen her hätte es aber einer schweren Autobahn nie bedurft, eine  „Kraftfahrtstraße“ hätte es auch getan. Im östlichen Abschnitt entspricht die A20 laut Verkehrzählung gar nur „einer gut frequentierten Kreisstraße“. Doch der Symbolwert als Kernstück einer „Via baltica“ (Ostsee-Autobahn) hatte wohl den Blick vernebelt.

MV-Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD) gebührt Anerkennung für sein entschlossenes Krisenmanagement. Dagegen gibt der Schlachtruf von Tourismusverbandspräsident Wolfgang Waldmüller zu denken, Geld dürfe keine Rolle spielen. Ein Blick auf die Historie genügt.

 

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