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Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 18:26 Uhr

Legende statt Aufklärung

vom

svz.de von
erstellt am 27.Jun.2013 | 09:45 Uhr

"Fahr los, sofort! Bad Kleinen. Russischer Munitionszug. Schießerei, Tote!" Der Alarm meiner Radio-Redaktion war diffus, duldete aber keinen Aufschub. Angekommen auf dem Vorplatz oberhalb des Bahnhofs Bad Kleinen, war zunächst nichts vom Drama zu erkennen - außer, dass die einzige Telefonzelle ein GSG9-Mann okkupierte und das D-Netz-Handy - damals noch eine Rarität - zunächst kein Netz fand. Einzig hörbare Schießerei-Geräusche drangen aus dem Fenster eines Privathauses. Ein Western, wie sich herausstellte. Für die erste Live-Schalte zur ARD stellte mir ein Anwohner sein Festnetztelefon zur Verfügung.

Später traf Landesinnenminister Rudi Geil (CDU) ein, verschwand wortlos im Bahnhofstunnel. Bevor seine Limousine wieder davon preschte, ließ Geil sich aufhalten und presste grimmig ins Mikro: Er sei zwar über einen GSG9-Einsatz im Land informiert gewesen, diese Dimension aber sei ihm verschwiegen worden.

Ohne Unterlass wurden danach GSG9-Beamte per Hubschrauber zur Vernehmung eingeflogen. Die Pressearbeit übernahm Justizminister Herbert Helmrich (CDU). Über Monate erörterten Ermittler und Medien tausende Details von allen Seiten: Wie können "Elite-Einheiten" so stümperhafte Arbeit abliefern? Wie konnten sie übersehen, dass der geplante Zugriffsort Stahlbeton-Tunnel als faradayscher Käfig den Funkverkehr abschirmt? Ein verstümmelter Funkspruch gilt als Auslöser des tödlichen Desasters. Wie konnte später eines der wichtigsten Asservate, Grams’ durchlöcherte Jacke, spurlos aus der Züricher Gerichtsmedizin verschwinden? Ein Regierungsbericht zählte 17 solcher derben Fehler auf. Dennoch lautete das Ergebnis: Grams’ Tod sei "widerspruchsfrei durch Selbstbeibringung" zu erklären. Die Hinrichtungsthese, die sich auf renommierte Gutachter stützte, die zumindest die Selbsttötung widerlegten, wurde als Staatsverunglimpfung strafrechtlich verfolgt.

Man darf, ohne als Staatsfeind zu gelten, sagen: Bei so umstrittener Beweisführung bleibt es vorstellbar, dass ein Polizist den Kopfschuss abgab. Als Motiv wäre der Affekt über den unnötigen Tod eines Kollegen plausibel, wenn auch nicht entschuldbar. Der getötete Polizist hatte aus Tarnungsgründen auf seine dicke Schutzweste verzichten müssen. Modernere Unterzieh-Westen waren nicht beschafft worden.

So fand die brutale westdeutsche RAF-Geschichte ihr Finale im Osten - wo die Stasi einigen RAF-Tätern ein spießiges Rückzugsrevier geboten hatte. Es bleibt der Samen für die Legende um einen womöglich durch den Korpsgeist einer Elitetruppe beschützten Todesschützen.

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