Hagenow : Leerstand in der Einkaufsstraße

Ist seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft: Der Verdrängungwettbewerb im Handel setzt Uhrmachermeister Karl-Heinz Lentz aus Hagenow zu.
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Ist seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft: Der Verdrängungwettbewerb im Handel setzt Uhrmachermeister Karl-Heinz Lentz aus Hagenow zu.

Neue Einkaufstempel, wachsende Online-Geschäfte: Alteingesessene Einzelhändler wie Hagenows Uhrmachermeister Lentz geraten unter Druck

svz.de von
04. Januar 2018, 05:00 Uhr

Viele seiner Kollegen sind schon weg: „Vier Uhrmacher zählte Hagenow einst“, erinnert sich Karl-Heinz Lentz. Dazu viele andere kleine Geschäfte, von Inhabern geführt, ohne große Handelsketten im Rücken. Textilhändler, Schreibwarenläden, Geschäfte für Kinderwaren, Bäcker, Läden mit Taschen- und Lederwaren oder Haushaltswaren, Fahrradgeschäft, Teeladen, Friseur, Schlüsseldienst in der Langen Straße – Hagenows einstiger Einkaufsmeile. „Doch es werden immer weniger“, beobachtet der Handelsmann aus der westmecklenburgischen Kleinstadt. In der einstigen Geschäftsstraße der Stadt zieht Ruhe ein: Seit der Ansiedlung großer Einkaufszentren in den Innenstädten und am Stadtrand, seit der Online-Einkauf mit traumhaften Zuwachsraten boomt, mehren sich die Räumungsverkäufe und der Leerstand in den Ladenlokalen. Harte Zeiten für inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte.

Strukturwandel in der Stadt: Uhren sind sein Geschäft. Mehr als drei Jahrzehnte verdient Lentz damit sein Geld. Zunächst nur mit Reparaturen, nach der Wende auch mit dem Verkauf, später zusätzlich mit Schmuck, erzählt der Uhrmachermeister, der eigentlich Rundfunkmechaniker werden wollte und dann doch ein Uhrengeschäft eröffnete: „Nicht ganz einfach zu DDR-Zeiten.“ Inzwischen hat er eines der beiden letzten Uhrmachergeschäfte in der Stadt. Sein einstiger Lehrbetrieb habe längst aufgeben müssen – wie andere Händlerkollegen auch.

Ein bundesweiter Trend: Der Konzentrationsprozess in der Branche, das florierende Online-Geschäft – vor allen in kleineren und mittleren Städten sei es spürbar, dass weniger Kunden in die Zentren kämen, beobachtet Kai Falk, Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Vielerorts erweitere der stationäre Handel daher sein Angebot und verknüpfe das Geschäft vor Ort mit dem Online-Verkauf. Die Geschäfte im Netz brummen: Norddeutschlandweit erwartet der Handelsverband in diesem Jahr im Online-Handel ein Wachstum von zehn Prozent. Mit Folgen für den stationären Handel: Während bundesweit der Anteil der traditionellen Käufer an der Gesamtbevölkerung schrumpft – zwischen 2015 und 2017 sank er von 31 auf nur noch 24 Prozent – nahm im gleichen Zeitraum der Anteil der Online-Käufer, die nur bestimmte Produkte oder generell vorrangig im Netz auf Einkaufstour gehen, weiter zu: von 69 auf 76 Prozent, geht aus dem HDE-Online-Monitor hervor.

Online-Händler machen alteingesessenen Unternehmern das Geschäft streitig: Allein zwischen 2015 und 2016 stieg der Online-Anteil am Gesamtmarkt Uhren und Schmuck von 13,6 auf 15,2 Prozent. Allerdings profitierten vom Handel im Netz nicht alle Unternehmen gleichermaßen. Vor allem kleinere Geschäfte hätten zunehmend Schwierigkeiten, beobachtet Andreas Bartmann, Präsident des Handelsverbandes Nord: „Die Digitalisierung bietet vielfältige technische Innovationen, die hohe Investitionen erfordern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Viele kleinere Händler sind dazu nicht in der Lage und erleiden so Wettbewerbsnachteile oder verschwinden ganz vom Markt.“

Das hat Folgen: Bis 2020 werde der stationäre Handel bundesweit voraussichtlich nur noch 78 Prozent der Gesamtumsätze des Einzelhandels erwirtschaften, heißt es in einem Dossier des Bundeswirtschaftsministeriums. Da der Online-Handel wachse, der Gesamtmarkt aber weitgehend stagniere, befinde sich der gesamte Einzelhandel in einem Verdrängungswettbewerb.

Händler wie Uhrmachermeister Lentz bekommen das zu spüren: Vor Jahren hatte er seinen Standort in der einstigen Einkaufsstraße aufgegeben und ist in die Nähe des neuen Einkaufscenters gezogen. Doch auch da wird das Geschäft schwieriger. Die Kunden machen sich rarer. „Ältere kommen noch, Jüngere immer weniger“, beobachtet der Hagenower. Auch die vielen Pendler in der Region würden oft nicht mehr vor Ort shoppen gehen. Bundesweit geben inzwischen 38 Prozent der Verbraucher an, durch zunehmende Online-Käufe weniger in die Innenstädte zu fahren, ergab eine Befragung des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln.

Hagenow droht indes noch mehr Geschäft zu verlieren. Mit der entgegen geltendem Planungsrecht in Mecklenburg-Vorpommern jetzt vom Land gegebenen Sondergenehmigung für den Bau des ersten großen Outlet-Centers in MV im nur 13 Kilometer entfernten Wittenburg fürchtet Lentz weitere Einschnitte. „Jetzt wird es noch ruhiger in der Stadt“, erwartet er. Für Lentz kein Wunder: Nach den Planungsauflagen dürfe in Wittenburg zwar nur ein bestimmtes Sortiment verkauft werden – Bekleidung, Schuhe, Lederwaren und Sonstiges, ausschließlich Markenware als Auslaufmodelle oder Artikel zweiter Wahl zu Preisen, die mindestens 20 Prozent unter der unverbindlichen Preisempfehlung des Herstellers liegen müssen. „Zweistellige Rabatte – da können die kleinen Geschäfte aber nicht mithalten“, prognostiziert Lentz: „Das zieht Kunden“ – weg aus der Innenstadt. Schon in den vergangenen 27 Jahren sei das Geschäft immer schwerer geworden, meint der Geschäftsmann: „Mit dem Outlet-Center wird es noch schlechter.“

Die Befürchtungen sind begründet: Der neue Fabrikverkauf kostet die Einzelhändler in Westmecklenburg Millionen. Vor allem Textil-, Schuh- und Lederwarenhändlern werden durch den umstrittenen Einkaufstempel Umsätze von mehr als 22 Millionen Euro abgezogen, ergab eine Analyse der Unternehmensberatung Ecostra aus Wiesbaden. Besonders betroffen: Hagenow. „Das Outlet-Center, das ist der Sargnagel für die kleinen Händler“, meint Lentz.

Der Uhrmachermeister in Sorge. „Ich bin in Hagenow geboren, zur Schule und in die Lehre gegangen und führe jetzt mein Geschäft hier“, erzählt der Mecklenburger. Inzwischen aber lässt die Entwicklung ihn gelegentlich daran zweifeln, ob die einstige Entscheidung, Uhrmacher zu werden, die richtige war.

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