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Mecklenburg-Vorpommern

18. Oktober 2017 | 17:01 Uhr

Leere im Kartoffelkeller

vom

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erstellt am 27.Sep.2013 | 10:05 Uhr

Schwerin | Für ihn ist es die Königsdisziplin im Ackerbau: Ein viertel Jahrhundert legt Gerhard Ihde Kartoffeln in den Boden. Fest- oder mehligkochende, rotschalige und gelbe, frühe und späte Sorten -fünf verschiedene allein in diesem Jahr, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Agrarproduktivgenossenschaft (Apg) Banzkow - für Schwerins Caterer und Gastronomen, die bei Ihde geschälte Kartoffeln aus dem zur Firmengruppe gehörenden Schälbetrieb Plate ordern. Mit 75 Hektar hat er etwa ein Zehntel seines Ackers mit Kartoffeln bestellt. Doch das, was Ihde in dieser Saison beobachten musste, "habe ich noch nie erlebt", meint der Landwirt. Der Markt ist leer. Bis die Ernte begann, "gab es nichts mehr auf dem Markt" - Leere im Kartoffelkeller.

In MV werden Knollen rar, dem Land laufen die Kartoffelbauern weg. Bauern wie Gerhard Ihde muss man in der einstigen Kartoffelhochburg im Nordosten immer öfter suchen. Der Aufwand, vor allem aber die schwankenden Ertragserwartungen lassen viele Bauern aus dem Kartoffelanbau aussteigen. MV ist dabei seine führende Branchenstellung zu verlieren. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Anbaufläche halbiert - von 27 500 Hektar 1992 auf nur noch 11 400 Hektar in diesem Jahr. Noch etwa 300 Bauern können von der Kartoffel nicht lassen, vor Jahren waren es noch doppelt so viele.

Ihde wundert das nicht. Die Knollen beschäftigen die Bauern das ganze Jahr, meint der Experte. Aufwendige Lagerung im Winter, stark witterungsabhängiges Kartoffellegen im Frühjahr, kostenintensive Bewässerung im Sommer, aufwendige Bodenbearbeitung und Erntevorbereitung im Spätsommer, zeitraubende Ernte im Herbst - es müssten riesige Bodenmengen bewegt und die Kartoffeldämme aufgeschüttet werden, Unkraut bekämpft, das Kartoffelkraut vor der Ernte geschlagen, der richtige Erntezeitpunkt abgepasst werden: "Getreide, Raps und Mais lassen sich einfacher produzieren und bringen mehr ein", meint Ihde. Es dürfe nicht zu nass sein, nicht zu trocken - "doch irgend etwas ist immer." Die Lagerung der Knollen müsse ohne große Temperaturschwankungen erfolgen. Die Kartoffeln seien zudem anfällig gegen Unkräuter und sehr angreifbar bei extremen Umweltbedingungen. "Bei langen Hitzeperioden wie in diesem Jahr sind die Kartoffeln ohne Beregnung nicht zu halten", erklärt der 53-Jährige. In teure Beregnungsanlagen habe er deshalb investiert. "Ohne Wasser wächst auf unseren leichten Böden nichts." Das rechnet sich sonst nicht, meint Dieter Ewald, Chef des Saatzuchtverbandes MV.

Riesiger Aufwand, überschaubare Einnahmen: "Kartoffeln sind wie Tiere, vom 1. Januar bis 31. Dezember wollen die gepflegt werden", sagt Ewald. Seit Jahren lässt sich mit den Knollen kaum Geld verdienen. Kartoffeln seien die teuerste Frucht auf dem Acker, weiß Ihde. Durch die vielen Arbeitsgänge kommt der Anbau auf einem Hektar etwa sechs Mal so teuer wie der von einem Hektar Roggen. Ihde merkt das in seiner Kasse. "Mit Kartoffeln sind keine Reichtümer zu verdienen." Von einem Euro, den Verbraucher für Kartoffeln im Supermarkt ausgeben, gelangen höchstens 29 Cent in die Kassen der Landwirte, meistens aber noch weniger, rechnet der Bauernverband vor. Mussten Verbraucher vor 40 Jahren noch sechs Minuten Arbeitszeit aufwenden, um ein Kilogramm Kartoffeln kaufen zu können, sind es derzeit gerade noch drei Minuten.

Die Landwirte ziehen Konsequenzen und steigen aus. Dabei sind die Anbaubedingungen für Kartoffeln im Küstengebiet ideal, weiß Saatgut-Experte Ewald - das beste Kartoffelanbaugebiet Deutschlands. Vor allem gebe es in MV von der EU anerkannte Gesundlagen, besonders geeignete und deshalb auch geschützte Gebiete für die Erzeugung von Pflanzkartoffeln. Solche Regionen gebe es sonst nur in Schottland und auf kleineren Flächen in einigen ostdeutschen Mittelgebirgslagen, wirbt Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) für den Kartoffelanbau in MV. Auch deshalb hätten sich alle führenden Züchterhäuser Deutschlands in MV angesiedelt.

Das hilft den Landwirten nicht weiter - besonders in diesem Jahr. Nach dem heißen Sommer rechnen die Bauern in MV mit deutlichen Ausfällen - bis zu 30 Prozent. Im Nordosten würden von knapp 12 000 Hektar nur 400 000 Tonnen Kartoffeln geholt - bis zu 200 000 Tonnen weniger, als in MV gebraucht würden, schätzt Ewald: Zwar sorge die laufende Ernte dafür, dass das Preisniveau sinke. Doch: "Der Markt ist mehr als eng." Das wird noch im kommenden Jahr zu spüren sein. Durch die zweite Niedrigernte in Folge sei voraussehbar, dass bis zum Anschluss an die Ernte 2014 die Knollen knapp würden.

Not auf dem Kartoffelacker: Die bekommen die Verbraucher indes im Verkaufsregal zu spüren. Erst zu Jahresmitte waren die Kartoffelpreise nach dem kalten und nassen Frühjahr und der verspätet begonnenen Ernte auf Rekordniveau gestiegen, so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, hatte Marktanalyst Christoph Hambloch von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) in Bonn beobachtet - 65 Euro für 100 Kilogramm. Ein Jahr zuvor waren es 25 Euro. Kartoffeln waren in den vergangenen Monaten der größte Preistreiber in MV - plus 44 Prozent. Doch lediglich ein Zehntel der höheren Verbraucherpreise kämen bei den Landwirten an, rechnet Ewald vor.

Und so werden heimische Speisekartoffeln immer seltener. Inzwischen leidet auch die Verarbeitungsindustrie. Vor Jahren hatten sie sich im Kartoffelland MV wegen der großen Kartoffelmengen angesiedelt. Millionen hatten sie investiert - allein 83 Millionen Euro im Veredlungswerk Hagenow. Die Werke in Hagenow und Stavenhagen gehören zu den größten in Deutschland. Doch mittlerweile gehen den Verarbeitern die heimischen Kartoffeln aus. Das Kartoffelveredlungswerk Hagenow oder auch das Pfanni-Werk in Stavenhagen sind immer mehr auf Lieferungen aus anderen Regionen angewiesen - aus Niedersachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein. Hagenow deckt nur noch etwa ein Drittel der notwendigen 140 000 Tonnen jährlich für die Produktion von Püree, Puffern und Klößen aus Anbau in MV.

Ihde kann es trotzdem nicht lassen: Kartoffelanbau am Rande der Lewitz - "das gehört in die Region so lange ich denken kann", meint der Landwirt - und wird es zumindest in seinem Betrieb vorerst auch bleiben. "Solange es geht, bauen wir Kartoffeln an." Denn, so seine Erfahrung, wer mit dem Knollenanbau erst einmal aufgehört habe, "der fängt nicht mehr an". Allerdings stößt auch Ihde an Grenzen: Wenn die nächsten Investitionen beispielsweise für die Erntetechnik anstehen, "dann müssen wir durchrechnen, ob der Anbau noch tragbar ist".

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