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Demografie : Lebenszeit, Arbeitszeit, Altersarmut?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vergreisung und Rentnerschwemme – viele Wörter aus der demografischen Berichterstattung sind umstritten. Auch junge Gesellschaften haben ihre Probleme

Über alte Gesellschaften, Vorurteile und Auswege sprach unter Autor Matthias Lanin mit dem Leiter des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung, dem Soziologen Andreas Willisch.

 

Was bedeutet Überalterung der Gesellschaft?
Willisch: „Vergreisung“, wenn wir dieses Unwort mal kurz so stehen lassen wollen, meint zunächst, dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung eines Landes, einer Region oder – wie in Europa – eines Kontinents ansteigt. Und es bedeutet in diesem Zusammenhang auch, dass die Bevölkerungsgruppe der, sagen wir mal über 60-Jährigen, im Verhältnis zu den Jüngeren größer wird.

Was sind die Ursachen?
Das kann sehr unterschiedliche Ursachen haben: Einmal, wie es Frank Schirrmacher, der kürzlich verstorbene Herausgeber der FAZ, formuliert hat, dass in unseren friedlichen Wohlstandgesellschaften keine Länder, sondern nur noch Lebenszeit erobert wird. Soll heißen: Wir alle werden immer älter. Die Hälfte der Mädchen, die heute geboren werden, haben statistisch die Chance 100 Jahre alt zu werden.

Wie finden Sie selbst dieses Wort Vergreisung?
„Vergreisung“ ist demografischer Rassismus. Es ist diskriminierend gemeint und zielt auf die Überzähligkeit der unnützen und dazu noch teuren Greise, die mit am Esstisch der Familie sitzen, aber zum Essen nichts beigetragen haben, daran herum mäkeln, weil sie nicht mehr alles essen mögen und alte Geschichten vom Krieg erzählen, die die Jüngeren schon hundert Mal gehört haben.

Es ist doch schizophren: Wir tun in der Regel alles, um das Leben des einzelnen Menschen zu erhalten, jeder für sich, und auch die Gesellschaft für jeden Einzelnen. Schauen wir aber auf die demografische Alterspyramide unserer Gesellschaft, in der die Leute nur schwarze Tonerpartikel eines Balkendiagramms sind, sprechen wir von Vergreisung.

Was passiert mit einer Gesellschaft, deren Durchschnittsalter sich erhöht?
Zunächst einmal gar nichts. Unsere Gesellschaften haben auf die existenziellen Fragen des Alterns Antworten gefunden: in Form eines Schulsystems, einer Rentenversicherung, einer Altersgrenze oder des Gesundheitssystems. Wenn wir die Fragen nach dem allgemeinen, durchschnittlichen Altern anders stellen, jenseits der alten Dreiteilung in Kindheit, Arbeitszeit und Ruhestand, werden sich auch die Institutionen unserer Gesellschaften ändern müssen.

Welche Merkmale haben ältere Gesellschaften ?
Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut aus Hannover sagt älteren Gesellschaften ein höheres Maß an innerer Sicherheit voraus. Das kann sein.
Interessanter finde ich aber, was amerikanische und österreichische Wissenschaftler geschrieben haben, dass Alter nämlich vor allem kulturell festgelegt wird. Sie haben gesagt, dass man die Prognosen zum Alter der Bevölkerung vom mittleren Lebensalter aus aufbauen muss. Die Hälfte des Lebens war in Hölderlins Gedicht bei ungefähr 36 Jahren, als er für weitere 36 Jahre in die Nervenklinik eingeliefert wurde. Wo ist unsere Lebensaltermitte und auf wie viele Jahre können wir dann noch hoffen? Die Forscher haben errechnet, dass 30-Jährige 2000 noch 40 Jahre vor sich hatten. Das Gleiche gilt im Jahr 2050 für 40-Jährige, die dann ein standardisiertes Alter und Verhalten von 30-Jährigen hätten.

Also werden ältere Gesellschaften jünger?
Ja. Das wiederum trifft sich mit vielen Beobachtungen. Das fängt an bei den Rentnern, die niemals Zeit haben, und hört noch lange nicht auf bei den vielen Menschen um die 70, die heute durch die Welt reisen, mit dem Auto unterwegs sind oder mit dem Fahrrad durch Mecklenburg fahren.

Welche sozialen Probleme werden in alternden Gesellschaften verstärkt?
Die Alterung einer Gesellschaft ist nicht das Problem, trotzdem gibt es soziale Probleme, die mit dem Alter von Menschen zusammenhängen. Altersarmut ist so ein Problem. Doch Altersarmut trifft die Leute nicht, weil sie heute älter werden als noch vor 30, 40 Jahren, sondern, weil das, was sie in die Rentenversicherung über Erwerbsarbeit eingezahlt haben, nicht ausreicht, um angemessen im Ruhestand einer Wohlstandgesellschaft leben zu können. Leute in Altersarmut waren zuvor arbeitslos oder mussten schon in ihrem Arbeitsleben mit Löhnen auskommen, die viel zu wenig für die Rente übrig ließen. Wenn Deutschland heute in Europa als besonders wettbewerbsfähig gilt, dann haben das insbesondere auch die Menschen mit geringen Löhnen überhaupt erst möglich gemacht. Von daher dürfen sie erwarten, dass die Gesellschaft mit ihren neugewonnenen Steueraufkommen ihnen das nachträglich honoriert.

Welche Merkmale haben jüngere Gesellschaften?
Es gibt ein Problem, das wir gegenwärtig beobachten, das sind die jungen Gesellschaften im Nahen und Mittleren Osten, in denen die dortige Gesellschaft, der großen Zahl junger Menschen keine Perspektiven bieten können. Das führt zu einem extrem hohen Maß an Unzufriedenheit und Aggressionsbereitschaft. Das ist neben vielen auch weltpolitischen Gründen eine Ursache dafür, dass diese Gesellschaften nicht zur Ruhe kommen.

Wie können wir mit dem Altern unserer Gesellschaft umgehen?
Wir müssen unser Denken, unsere Ansichten ändern: Auf lange Sicht gesehen wird sich eine fixe Einteilung der Lebenszeit in Arbeitszeit und Ruhestand nicht halten lassen. Nicht weil das nicht zu finanzieren wäre, Produktivitätsfortschritte haben bisher immer dafür gesorgt, dass die Rechnung aufging, sondern weil dieses starre Übergangsregime sich mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit der Leute entfernt. Wer sagt denn, dass nicht ein großer Teil derer, die die 65, 67 oder auch 70 überschritten haben, nach einer Pause nach langer Beschäftigung nicht wieder aktiv werden wird. Vielleicht braucht man auch wie in jungen Jahren erst wieder eine gewisse Zeit, um sich mit den verändernden Lebensumständen anzufreunden, ehe man seinen anderen Platz in der Gesellschaft finden kann. Es wird womöglich andere „Einsatzorte“ in der kommunalen Selbstverwaltung geben, die wir über Grundeinkommen finanzieren, weil es den Bürger wie im 19. Jahrhundert, der in seiner Freizeit und neben seinen Geschäften kommunalpolitisch engagiert war, nicht mehr gibt.

Wenn das mit der Fachkräftelücke stimmt, dann werden Unternehmen bald Angebote machen, die nicht nur finanziell interessant sind, sondern auch Lösungen beinhalten, die mit der anderen Körperlichkeit von Menschen jenseits olympiagerechter Leistungsfähigkeit umgehen.

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