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Menschen mit Handicap : Lebenstraum über den Wolken

vom
Aus der Onlineredaktion

Querschnittsgelähmter erlebt Tandemfallschirmsprung. Heute Aktionstag für Menschen mit Handicap in Schwerin

Blauer Himmel, wenig Wind: Es ist ein idealer Tag für die Premiere des freien Falls aus 4000 Metern Höhe. Darauf wartet auch Jürgen Olejnik. Dort, wo Tandemmaster ihre Gäste mit Technik und Sicherheitsregeln vertraut machen, zieht der Parchimer allerdings neugierige Blicke auf sich. Jürgen Olejnik sitzt im Rollstuhl. Seit mehr als 20 Jahren.

„Ich wollte immer Fallschirmspringen. Und jetzt werde ich das tun“, sagt er. Kleine Schweißperlen glänzen auf der Stirn des Debütanten. Die Anspannung steigt. „Alles gut. Ich habe ja Vertrauen zu ,Mahle‘.“ Der heißt auch Jürgen, hat mehr als 12 000 Einträge in seinem Sprungbuch und fast 2000 Mal Gäste als Tandemmaster im freien Fall begleitet. Darunter auch Menschen mit Handicap.

Jürgen Mühling gehört zu einem Entwicklerteam, das in zweijähriger Zusammenarbeit mit Experten der TU Dresden und im Rahmen eines vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderten Projektes einen komfortablen Anzug konstruiert und erprobt hat, in den selbst sehr bewegungseingeschränkte Personen schnell und unkompliziert eingekleidet werden können. „Die Ausstattung ermöglicht über Zugverbindungen die jeweils notwendige Körperhaltung“, erklärt Erfinder Uwe Reichert von der rainbow design GmbH.

Klingt einfach. Aber ist es das auch? Für einen Menschen, der seine Beine nicht bewegen kann? „Wir sind ein gutes Team. Alles, was wir noch benötigen, ist an Hilfssystemen in die Kombi integriert“, bestätigt „Mahle“. Er breitet den Anzug auf dem Boden aus, zieht durchgängig teilbare Reißverschlüsse auf, hebt mit Uwe Reichert den Tandemgast aus dem Rollstuhl und legt ihn auf die dunkelblaue Anzughälfte. Ruck-zuck ist Jürgen Olejnik angezogen. Längst ist der 42-Jährige mit „Mahle“ alle Details des Sprungs durchgegangen. Jetzt wird die Position der Fixierungselemente und aller Polster geprüft. Auch der hohe Kragen, der zusätzliche Stabilität für den Hals bietet, muss perfekt sitzen. Tandemgast Jürgen kommt ins Schwitzen. Die Reißverschlüsse werden wieder geöffnet. „Mahle“ hat seinen Sprunggast ständig im Blick, fragt nach dessen Wohlbefinden, tastet unmerklich nach dem Puls. Er strahlt Ruhe aus, wirkt souverän. „Ich bin mir der Schwierigkeiten durchaus bewusst. Aber auch der Tatsache, dass mit diesem System viele Menschen mit verschiedenen Krankheitsbildern sich ihren Traum vom freien Fall erfüllen können.“ Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der eine oder andere mit einem Handicap auch mal Tandem gesprungen, weiß Uwe Reichert. „Mit Panzertape und Klettsystemen, eher provisorisch, hat man das hingekriegt. Das ist nun anders. Der Master kann sich voll und ganz auf seinen Gast konzentrieren.“

Die Cessna Caravan rollt zur Einstiegsposition, diesmal etwas näher in Richtung Hangar. Dort macht sich das Team auf den Weg: „Mahle“ und Uwe Reichert sowie Sebastian Schmidt und Karl Preuß, die als Kameramänner und Helfer den Sprung begleiteten. Sie heben Jürgen Olejnik in das Flugzeug. 15 Minuten später ist die Absprunghöhe erreicht. Ein höherer Puls auch.

„Es ist aufregend!“ wird Jürgen knapp sieben Minuten später am Boden sagen. Dazwischen liegen 50 Sekunden freier Fall, gut sechs Minuten Schweben am offenen Schirm und eine sanfte Landung. „Einfach geil!“ Mehr sagt Jürgen nicht. Die Anspannung ist riesig. Er greift nach „Mahle’s“ Hand. Die Männer schlagen ein, umarmen sich. „Ich habe enormen Respekt vor so viel Energie, die Jürgen hier aufbringt. Ihm dieses Erlebnis zu ermöglichen, ist großartig. Das schärft die eigene Wahrnehmung dafür, dankbar und demütig zu sein, dass man jeden Morgen im wahrsten Sinne des Wortes einfach so aufstehen kann.“ Auch Uwe Reichert ist die Freude anzusehen. Er hat den Sprung aus nächster Nähe miterlebt, um Funktionalität und Abläufe akribisch zu beobachten.

„Gelingt es, mit dieser Premiere und unserem Aktionstag am 24. August weitere Zeichen für umfassende Teilhabe zu setzen, dann haben wir alles richtig gemacht“, so Jörg Panzer, Vorsitzender des Fallschirmsportclubs Mecklenburg e.V. Der Verein bietet ab 2018 Tandemsprünge für Menschen mit Handicap in Neustadt-Glewe an.







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