Prozess in Schwerin : Lebensgefährliche Misshandlungen

Vater und Stiefmutter wegen Gewalt an Dreijährigem angeklagt

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27. November 2017, 21:00 Uhr

Es ist egal, ob einem kleinen Kind ins Gesicht oder „nur“ auf den Hinterkopf geschlagen wird. In beiden Fällen besteht die Gefahr, dass es lebensgefährliche Verletzungen erleidet, wenn das Gehirn gegen den Schädel schlägt. Mit diesem drastischen Bild hat heute ein Rechtsmediziner den Richtern am Landgericht die möglichen Folgen von Misshandlungen beschrieben. Über 20 blaue Flecken, Abschürfungen und Hautrötungen hatte er an Kopf und Körper eines Dreijährigen aus Grevesmühlen diagnostiziert. Sie wurden hervorgerufen durch intensive Gewalteinwirkungen – mutmaßlich durch den 32-jährigen Vater und die 36-jährige Stiefmutter, die nun wegen gemeinschaftlicher Kindesmisshandlung angeklagt sind.

Lebensbedrohend hätte es für den Jungen wohl auch werden können, als die Stiefmutter ihn in seinen Kleidern kalt abduschte und stundenlang in der Wanne sitzenließ, weil er eingenässt hatte. „Der Junge hätte an Unterkühlung sterben können“, so der Rechtsmediziner. Die 36-jährige Stiefmutter hatte eingeräumt, dass ihre „Erziehungsmaßnahme“ kein Einzelfall war. Gefährlich für die Entwicklung des Gehirns, das Wachstum und die Feinmotorik war nach Ansicht des Experten zudem die mehrere Monate anhaltende Mangelernährung. Als er im Mai 2016 ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wog er nur noch gut zehn Kilogramm – weit weniger, als es für sein Alter normal ist.

Durch die Misshandlungen sei der Dreijährige um mehr als ein Jahr in seiner geistigen Entwicklung zurückgeworfen worden, analysierte eine Psychologin. Als er im Dezember 2015 per Amtsgerichtsbeschluss aus einer Wohngruppe des Jugendamtes in den Haushalt seines Vaters wechselte, sei er noch ein „aufgeweckter Wonneproppen in einer Trotzphase“ gewesen. Fünf Monate später war er auf dem Stand eines Zweieinhalbjährigen. Grund dafür könne nur die „menschenverachtende Kontrolle“ und „herabwürdigende“ Behandlung in seinem neuen Zuhause gewesen sein. „Er war den beiden schutzlos ausgesetzt.“ Weil er ein hervorragendes Langzeitgedächnis hat, werde der Junge die Misshandlungen sein Leben lang nicht vergessen. Spätere psychische Schäden seien programmiert.

Das Ehepaar hatte das Kind wohl auf sanften Druck der Mutter des Mannes zu sich geholt. Der Kleine reagierte angeblich mit deutlichem Trotz. Der Vater wie auch die Stiefmutter machten geltend, sie seien überfordert gewesen. Das Jugendamt in Grevesmühlen aber habe ihnen trotz mehrfacher Anrufe nicht geholfen. Für ihn habe es sich um einen „Routinefall“ gehandelt, sagte ein Sozialarbeiter aus. Von einer Gefährdung des Kindeswohls habe er nichts gewusst. Auch der Kindes- und Jugendnotdienst beließ es bei einer telefonischen Beratung des Paares.

Im Laufe des Prozesses hatten die Angeklagten nach und nach mehr Taten eingestanden als in der Anklage der Staatsanwaltschaft benannt waren. Von einem Teil der Misshandlungen erfuhren die Ermittler nur, weil die Stiefmutter mit ihrem Handy verstörende Videos von dem Kleinen drehte und sich per SMS mit ihrem Mann über ihre „Erziehungsmaßnahmen“ austauschte.

Während des Prozesses gab sie zu, sie habe dem Kind immer häufiger das Essen entzogen. Damit er wegen seines schlechten Zustandes über das Jugendamt in eine andere Pflegefamilie kommt, behauptet sie. Am Montag will das Gericht ein Urteil fällen.

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