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Serie: Krankenkassen-Frust : Lebensfremdes Entlastungsangebot

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wilfried Struthmann würde seine Frau, die sich hauptsächlich um ihn kümmert, gerne entlasten. Doch die Krankenkasse spielt nicht mit.

svz.de von
erstellt am 06.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Dass Pflegende und ihre Angehörigen Hilfen nicht in Anspruch nehmen – Wilfried Struthmann kann das nicht mehr lesen oder hören. „Denn Fakt ist, dass es uns überaus schwer gemacht wird, solche Angebote zu nutzen“, erklärt der Leezener, der an einer seltenen Muskelkrankheit leidet und deshalb auf den Rollstuhl angewiesen ist. Um seine Frau, die sich hauptsächlich um ihn kümmert, zu entlasten, würde er zum Beispiel gerne zusätzliche Betreuungsleistungen in Anspruch nehmen. Doch das ist leichter gedacht als getan.

Seit Anfang 2015 haben anerkannt Pflegebedürftige einen Rechtsanspruch darauf, sich stundenweise von ehrenamtlichen Helfern oder professionellen Pflegekräften betreuen zu lassen – und so den pflegenden Angehörigen zumindest etwas Zeit für sich selbst zu gönnen. 104 Euro im Monat, bei eingeschränkter Alltagskompetenz, also insbesondere bei Demenzkranken, sogar das Doppelte stellt die Pflegekasse für solche „niederschwelligen Betreuungs- und Entlastungsangebote“ zur Verfügung.

So weit, so gut. Doch wer soll diese Leistungen erbringen? Wilfried Struthmann hörte sich bei drei verschiedenen Pflegediensten um – keiner hatte Kapazitäten. Wären sie vorhanden gewesen, so erfuhr der 65-Jährige, hätte er für eine Stunde bis zu 35 Euro bezahlen müssen…

Dass er schließlich doch noch fündig wurde, sei ein Riesenglück gewesen, erzählt Struthmann. Bei diesem Pflegedienst müssen für die Stunde „nur“ 22,50 Euro bezahlt werden – „das Geld von der Pflegekasse reicht also auch hier für kaum mehr als vier Stunden im Monat. Das kann doch nicht im Sinne des Gesetzgebers sein“, ärgert sich Wilfried Struthmann. „Wenn es denn wenigstens 1:1 bei der Hauswirtschafterin ankommen würde…“, setzt er hinzu.

Worüber ärgern Sie sich? Schreiben Sie uns!
Obwohl die meisten Krankenkassen satte Rücklagen gebildet haben, knausern sie bei den Leistungen. Haben Sie auch diese Erfahrung gemacht? Dann schreiben Sie uns an medienhaus:nord, Redaktion, Kennwort: Krankenkassen-Ärger, Gutenbergstraße 1, 19061 Schwerin oder per Mail ebenfalls unter diesem Kennwort an redaktion@medienhausnord.de. Bitte geben Sie in jedem Fall Ihre vollständige Anschrift, den Namen Ihrer Krankenkasse und eine Telefonnummer für eventuelle Rückfragen an.

Für das, was er und viele andere Pflegebedürftige brauchen, sei keine großartige Qualifikation erforderlich, meint der Leezener: Es gehe darum, von A nach B gefahren zu werden, um Begleitung zum Einkaufen oder bei Spaziergängen, um Hilfen im Haushalt oder darum, dass ein Pflegebedürftiger nicht so lange allein sein muss. Vieles davon ließe sich über Ehrenamtliche abdecken, ist er überzeugt – „aber selbst hilfsbereiten Nachbarn möchte man ja zumindest ihre Auslagen erstatten und vielleicht auch mal ein kleines Dankeschön spendieren.“

Doch die Betreuungsangebotelandesverordnung lässt das nicht zu. Ehrenamtliche Einzelpersonen sind derzeit nicht als Erbringer niederschwelliger Betreuungs- und Entlastungsangebote zugelassen. Nur Ehrenamtler, hinter denen eine Organisation wie der „Helferkreis“ oder das Zentrum Demenz in Schwerin stehen, dürfen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen entlasten – wenn sie sich einer 20-stündigen Schulung unterzogen haben. „Das ist doch lebensfremd“, empört sich Wilfried Struthmann. In Sachsen – allerdings auch als einzigem Bundesland – dürften ganz unproblematisch auch Einzelpersonen diese Leistungen erbringen. „Warum geht das hier nicht?“, fragt er.

„Es ist uns sehr wichtig, dass Menschen, die in diesem sensiblen Bereich tätig sind, auch entsprechende Anforderungen erfüllen“, erklärt der Sprecher des Sozialministeriums, Christian Moeller. Deshalb müssten Schulungen sein – die vom Land gefördert würden. Bei der letzten Novelle der Betreuungsangebotelandesverordnung sei die Schulungsdauer bereits von 20 Voll- auf 20 Dreiviertelstunden verringert worden. Bei einer nächsten Novelle, die parallel zum Inkrafttreten des nächsten Pflegestärkungsgesetzes 2017 erfolgen wird, könnten dann auch ehrenamtliche Einzelpersonen mit aufgenommen werden, stellt Moeller in Aussicht.

Wilfried Struthman ist das viel zu spät. „Dann ist das entsprechende Bundesgesetz schon zwei Jahre lang in Kraft – ohne dass wir Betroffenen wirklich davon profitieren konnten.“

 

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