Ballett „Mazl Tov!“ im E-Werk : Lebens- und Überlebenskunst

Voller Körpereinsatz im Schweriner E-Werk

Voller Körpereinsatz im Schweriner E-Werk

Premiere des Balletts „Mazl Tov!“ von Jutta Ebnother im Schweriner E-Werk

svz.de von
03. April 2017, 11:45 Uhr

Spielerisch, scharf, glücklich, bedrückt oder wie befreit fließt der Tanz. Es fiebern die Emotionen, wenn die Klarinette tiriliert, die Geige wild wird oder exakt jubiliert oder fast sinniert. In verblüffender Kombination setzen Klezmer-Musik von Gegenwartskomponisten wie Béla Kovács, Helmut Eisel, Ora Bat Chaim und anderen sowie Sonatensätze von Johann Sebastian Bach Impulse für Figuren in roten, violetten, braunen Gewändern.

Bildnerische Momente bei „Mazl Tov!“, dem neuen Ballettabend von Jutta Ebnother im Schweriner E-Werk.

Szenen ungewissen Daseins. Manche, wie die Annäherung eines Paares am langen Tisch, einige Duette, auch Form und Farbskala von Adriana Mortellitis Kostümen lassen an den Bilderfinder Marc Chagall denken, den Maler-Poeten, der jüdisches Leben mit Musik phantasierte. Angeregt von seiner Heimatstadt Witebsk, wo an Springpunkten des Alltags mit dem eigenartigen Klezmer-Klang musiziert, die Stimmung bei Hochzeiten oder religiösen Festen beflügelt wurde.

Hier nun spielt der Fiedler nicht auf dem Dach, wie als Balance-Akt symbolisch bei Chagall, doch es sind Stimmungen komponiert, in denen Menschen „außer-sich“ sind in Freude, Leid und Leidenschaft, „ent-rückt“, „ver-rückt“, „ver-dreht“.

Erregt, umspielt, befeuert von den so stilbewussten wie vitalen Musikern Dietrich Hempel (Violine), Hajo Willimczik (Klarinette), Johannes Richter (Klezmer-Geige) und Karsten Lauke (Kontrabass) unter Leitung von Friedemann Braun an den Tasten.

Ebnother, mit dem Rest Mystik, die zum Stoff gehört, erzählt von Zweisamkeit, von der Festung Familie, veranschaulicht Kraft der Männer und Gefühle der Frauen. Ihr Vokabular, auch wenn das natürlich nicht alles nachbuchstabierbar ist, formuliert Hoffnung, Respekt, Angst, Zweifel, Tradition, Sehnsucht und natürlich Liebe, die in der Hochzeit gipfelt: Mazl Tov!, frei übersetzt, viel Glück.

Aber wörtlich bedeutet Masel auf Alt-Hebräisch „Ein Tropfen von oben“, tov heißt „gut“, demnach wirkt doch höherer Segen. Für ihre Fantasie stiftenden Bilder scheut Ebnother auch Gesang nicht und nicht Worte mit babylonischem Sprachgewirr; na ja, eine Mode.

Die musikalische Verbindung verschiedener Kulturen beglaubigt die Option gemeinschaftlicher Lebens- und Überlebenskunst. Dafür nimmt die Choreographie Temperament wie rhetorische Figuren der Musik auf. Heftig reagieren in ihrem Bewegungslabor die Körperelemente, mal scheinen sie wie musikalische Bindungsbögen, mal zucken sie staccato nach Achtelnoten. Arme flattern, Leiber pulsieren exzentrisch, Lifts wie zum Fliegen. Sportive und burleske, ekstatische und meditative Figurationen samt Klassik-Zitaten und einem Touch Folklore fügen sich zur Verkörperung psychischen Befindens: ausgelassen bis melancholisch.  Choreographie wird im Tanztheater nicht von außen als Form, sondern von innen als Erleben erfüllt.

Im komödiantischen Wechsel von Ernst und Spiel: sich überstürzende Flucht, überbordende Feier. Dazwischen ausdrucksreiche Soli: Irene López Ros zusammen mit Maxim Perju als expressives Paar mit Charakter. Fem Rosa Rudoff mit Alyosa Forlini als flirtendes Duo. Bei Magdalena Pawelec tanzt eindringlich Dramatik, bei Dan Datcu Männlichkeit. Im Hoffnungs-Adagio aber schwebt bei Eliza Kalcheva sinnlich die Empfindsamkeit, auch vereint mit Ennio Zappalá.

Der Applaus zur Premiere so stark wie der Tanz.                 

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