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Leserbriefe aus der Wende : Lebendige Geschichte bewahrt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Buchprojekt „Momente deutscher Unschuld“ von Rainer Lehmann nimmt Leserbriefe aus der Wende in den Focus

svz.de von
erstellt am 02.Mai.2014 | 07:45 Uhr

Es war eine Geschichtsstunde der besonderen Art, zu der sich am Mittwochabend rund 150 Gäste im medienhaus:nord in Schwerin eingefunden hatten. Rainer Lehmann aus Stralendorf stellte sein im Mecklenburger Buchverlag erschienenes Projekt „Momente deutscher Einheit“ vor, für das er Leserbriefe aus dem Wendejahr zusammengetragen hatte und deren Absender er 20 Jahre später noch einmal nach ihren Ansichten zur Wende und ihrer persönlichen Entwicklung seit dem Herbst 1989/90 befragte.

Viele Gäste der Lesung hatten seinerzeit selbst an Zeitungen geschrieben. Viele waren damals auf die Straße gegangen – wie der Menschenrechtler Heiko Lietz, wie Martin Klähn, einer der Begründer des Neuen Forums in der DDR, oder wie der spätere erste Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Georg Diederich.

Er selbst habe die Wende „verschlafen“, erzählte Lehmann. An der Trasse, wo er damals arbeitete, kamen die wenigen Nachrichten aus der Heimat nur mit zeitlicher Verzögerung an. Informationen aus erster Hand gab es lediglich, wenn Heimaturlauber zurückkehrten. „Doch irgendwann blieben auch die aus, statt zurück gen Osten hatten sie sich auf den Weg in Richtung Westen gemacht.“ Auch er selbst kündigte seinen Vertrag vorfristig, kehrte noch 1989 nach Hause zurück, wo seine Frau Martina für ihn stapelweise Tageszeitungen aufbewahrt hatte. Sie wurden fast zwei Jahrzehnte später, als Rainer Lehmann nach einer gesundheitlichen Zäsur sein Leben und dabei auch seinen Dachboden entrümpelte, zum Ausgangspunkt für die „Momente deutscher Unschuld“.

1800 Briefe hat der Diplom-Betriebswirt aus allen 1989 und 1990 in den drei Nordbezirken erschienenen Tageszeitungen zusammengetragen. Sie sind jetzt in den ersten beiden Bänden seines Buchprojektes nachzulesen. Im dritten Band, der im Sommer herauskommt, werden dann 400 der Leserbriefschreiber von einst aus heutiger Sicht auf die Wende zurückblicken.

Dieser Teil, das belegten auch die Publikumsreaktionen bei der Lesung am Mittwochabend, dürfte der interessanteste werden. Beifall gab es, als Lehmann einen seiner Protagonisten zitierte, der schrieb, er sei auch nach 20 Jahren noch nicht in der gemeinsamen Bundesrepublik angekommen. Noch mehr Beifall gab es für den Satz: „Trotzdem bleibe ich dankbar dafür, nicht mehr in der DDR leben zu müssen.“

Viel Nachdenkenswertes hatte Lehmann für seine Lesung herausgepickt: Im Herbst 1989 habe schließlich niemand versprochen, dass das Leben danach unproblematischer werde, merkte ein Leser an. Ein anderer schrieb: „Nach dem dritten Lesen meines damaligen Leserbriefes fällt mir auf: Damals hatte ich noch nicht resigniert.“ Und in einer der reflektierenden Zuschriften hieß es: „Es war eine ereignisreiche, emotionsgeladene Zeit, die wir nicht so einfach abhaken sollten.“

Vor allem das traf den Nerv des Publikums: „Das, was vorgelesen wurde, ist unsere erlebte Geschichte“, merkte einer der Zuhörer an. Es sei, wichtig, diese Erinnerungen für jüngere Generationen zu bewahren, die die Wende selbst gar nicht erlebt hätten.

Rainer Lehmann selbst, von den positiven Reaktionen sichtlich überwältigt, resümierte: „Ich war damals weit weg – und weiß doch jetzt viel mehr über diese Zeit als viele Menschen, die sie vor Ort miterlebt haben. Trotzdem beneide ich jeden, der damals aktiv dabei war.“

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