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Serie: Jung in MV : Leben zwischen Acker und Schule

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Als Landwirt muss man vieles können: Junger Landwirt baut sich ein zweites Standbein auf

svz.de von
erstellt am 19.Jan.2017 | 12:00 Uhr

Es war immer klar: Marcel Holm wird Bauer. Schon sein Großvater gehörte zur Agrargenossenschaft Groß Grenz bei Schwaan, auch Vater und Onkel haben in der Landwirtschaft gearbeitet. Und so kam auch für Marcel nie ein anderer Beruf in Frage. „Ich bin damit groß geworden, und es ist gut so.“

Nach der Schule begann er eine Ausbildung zum Landwirt, musste aber nach einem Unfall zum Großhandelskaufmann umschulen. Doch er fand keinen Job in diesem Beruf und kehrte deshalb zur Landwirtschaft zurück. Bei der Agrargenossenschaft Groß Grenz bekam er die Chance, noch einmal Landwirt zu lernen – trotzdem es mitten im Ausbildungsjahr war und er außerdem durch den Unfall sein Knie nicht mehr hundertprozentig bewegen kann. „Das habe ich hier gleich gesagt, wurde aber trotzdem sofort eingestellt.“ Der Betrieb hält Rinder und Schweine, baut einen Großteil des Futters wie Roggen, Gerste, Mais oder Erbsen selbst an. Und genau da, in der Pflanzenproduktion, arbeitet Marcel Holm, seit er vor drei Jahren seine Lehre abgeschlossen hat.

„Ganz zu Anfang war ich auch im Stall, aber jetzt bin ich fast ausschließlich auf dem Acker. Ich bin der zweite Mann im Pflanzenschutz.“ Werden beim Getreide zum Beispiel Pilzkrankheiten oder Insektenbefall festgestellt, rücken die Männer aus – nur dann, wenn es unbedingt nötig ist. „Wir nennen das Schadschwelle. Wegen einer Laus fangen wir nicht an. Der Schaden, der zu erwarten ist, muss schon wesentlich höher sein als die Kosten für die Bekämpfung.“

Sein Traktor zieht die Feldspritze, deren ausklappbare Arme jeweils 12 Meter breit sind. Hektar für Hektar verteilt Holm das Pflanzenschutzmittel. Je nach Wetterbedingungen fährt er manchmal morgens von vier bis acht, und dann abends nochmal, wenn es wieder windstill ist – wenn nötig, bis in die Nacht hinein. Langweilig wird die Arbeit auf dem Hof nie. Manchmal müssen Rinder mit dem Wagen auf eine andere Weide gebracht werden. Im Sommer werden frisch geerntetes Weidegras oder Luzerne auf dem Feld gewendet und später ins Silo nach Benitz gebracht.

In Groß Grenz, Benitz, Kassow und den anderen Dörfern, die zur Agrargenossenschaft gehören, ist es nicht wie in einem Familienbetrieb, in dem alle alles machen. Hier hat jeder sein Aufgabenfeld. „Aber wenn mal Not am Mann ist, helfe ich auch in der Tierproduktion aus“, erzählt Holm. „Oder als die neuen Koppelzäune gebaut wurden, haben wir Pfähle eingesetzt und Draht gezogen.“ Als Landwirt müsse man vieles können. „Bestimmte Abläufe sind natürlich immer gleich. Aber wir arbeiten mit dem Wetter und der Natur.“

Doch wegen seiner Verletzung baut Holm sich noch ein anderes Standbein auf: Im Mai wird er sein praxisbezogenes Studium zum Agrar-Betriebswirt an der Fachschule für Agrarwirtschaft in Güstrow beenden. Gerade in den Wirtschaftsfächern kommen ihm seine Kenntnisse aus der zweiten Ausbildung als Kaufmann zugute. Und später, wenn der Abschluss geschafft ist? „Es wäre ein Traum, selbst einen kleinen Hof zu haben, am besten mit Ausrichtung Pflanzenproduktion“, sagt Holm. „Dafür bräuchte ich einen Hof mit Gebäuden, Maschinen und vor allem Flächen. Aber die sind kaum noch verfügbar.“

Also könnte der junge Landwirt sich auch einen Job in der Agrarforschung vorstellen. „Aber eins nach dem anderen“, meint er. „Erstmal den Abschluss schaffen, dann wieder zurück in unsere Genossenschaft. Das ist ja mein Vorteil, dass ich hier einen festen Job habe.“ Wegzugehen aus der Heimat, kommt für ihn dagegen überhaupt nicht in Frage. „Hier sind Familie und Freunde, hier ist mein Leben. Ich bin zufrieden. Und froh, dass ich hier gelandet bin. Das Arbeitsklima ist gut, und ich mache das, was mir Spaß macht.“

Hintergrund zur Serie: Jung in MV - Vom jüngsten zum ältesten Bundesland

Ende der 1980er-Jahre war der Norden der DDR das Gebiet mit der durchschnittlich jüngsten Bevölkerung. Seit der Wende aber hat sich diese Statistik komplett umgekehrt – der Rückgang der Geburtenzahlen war weltweit einzigartig. In MV leben nun die nahezu ältesten Menschen Deutschlands. Mit 46,5 Jahren sind die Einwohner gut zwei Jahre älter als im Bundesschnitt.

Die Gründe für den demografischen Wandel sind vielfältig: die gesellschaftliche Unsicherheit, ein rasanter Wertewandel hin zu westlichen Tendenzen wie später Mutterschaft und nicht zuletzt die wegfallenden Anreize, die das DDR-System jungen Familien bot. „Und die nicht geborenen Kinder fallen heute als potenzielle Eltern weg“, erklärt Soziologe André Knabe. Ein anderer wichtiger Grund für die statistische Alterung ist die Abwanderung junger, qualifizierter Menschen.

In einer neuen Serie wollen wir zeigen, dass es junge Menschen gibt, die sich bewusst für den Nordosten entscheiden. Die hier Chancen sehen, die andere nicht gesehen haben. 

Heute beginnen wir mit einen jungen Videoproducer, der sich für die Arbeit in unserem Medienhaus entschieden hat, in dem drei Tageszeitungen entstehen, u.a. die SVZ und die NNN.

 

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