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Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 18:26 Uhr

Heute ist Weltkrebstag : Leben und Sehen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sebastian Schramm aus MV schreibt über seine Zeit mit dem Morbus Hodgkin

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Die halbe Tablette wirkt. Mit jeder Sekunde mehr beruhigt sich mein Puls, meine Atmung. Anspannung gleitet aus meinem Körper. Ich liege im Krankenbett, nur bekleidet mit einem Operationshemd. Draußen ist April, der Frühling setzt seine ersten Striche. Das halbe Gesicht ins Kissen gedrückt, höre ich der Psychologin zu. „Schau, Sebastian, wenn draußen wieder Schnee liegt und die Bäume kahl sind, bist du wieder gesund.“ Sie sagt es mit einem Lächeln im Gesicht, der Ton bestimmt von schier unerschöpflichem Optimismus. Sie steckt mich an. Ich glaube ihr und höre nicht mehr damit auf.

***

Die Diagnose Krebs verändert alles. Von einer Sekunde zur nächsten stellen sich keine Fragen mehr nach Plänen, Zielen oder Träumen. Was bleibt, ist Leere. Gedanken, die um das Ende kreisen, losgelöst von der Prozentzahl, mit der die Ärzte die Überlebenschance beziffern. Was sind schon Zahlen? Krebs, das sind doch Leid und Qual, geschorene Köpfe, aschfahle Gesichter. Eine Krankheit, die den Tod bringt. Die sich still und heimlich im Körper einnistet, manchmal mit jahrelangem Anlauf, und eigentlich harmlose Symptome vorschickt, um im Verborgenen gegen das Leben zu kämpfen.

Bei mir schickt er den Husten. Ein harter, trockener Husten, nicht mehr kleinzukriegen, den meine Hausärztin abtut als normale Reaktion auf einen Virus. Sie ignoriert den kirschgroßen Lymphknoten, der sich links über meinem Schlüsselbein abzeichnet. Drei Wochen später liege ich auf der Station M5 des Schweriner Klinikums: Hämatologie/Onkologie und Stammzellentransplantation. Verdacht auf Morbus Hodgkin. Lymphdrüsenkrebs. Mit 25 Jahren. Ich trage einen Tumor im linken Brustkorb, zwischen Lunge und Herz: 11,5 x 9,5 x 9,8 Zentimeter. Größer als eine zusammengeballte Faust.

Weltkrebstag

Der Weltkrebstag wurde 2006 ins Leben gerufen, u. a. von  der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Vereinigung gegen Krebs. Ziel des Aktionstages, auf die Krankheit aufmerksam zu machen, die Sinne für sie zu schärfen. Das Motto für die Jahre 2016 bis 2018: „We can. I Can.“ Wir können. Ich kann.

Erkranungen und Heilungs-Chancen

Etwa 500.000 Menschen erkranken jährlich erstmals an Krebs.

50 Prozent der Erwachsenen können heute geheilt werden. 80 Prozent sind es bei Kindern.

Verdoppelt hat sich die absolute Zahl der Neuerkrankungen seit den 70er-Jahren.

Geheilt heißt: Fünf Jahre nach der Behandlung finden Mediziner bei Betroffenen keinerlei Hinweise auf Tumorzellen im Körper. Die Wahrscheinlichkeit, dann wieder am selben Krebs zu erkranken, ist gering.

Unterschied zwischen Männer und Frauen

4 Millionen Menschen, die in ihrem Leben an Krebs erkrankt sind, leben zurzeit in Deutschland.

Lungenkrebs ist die häufigste Art der Erkrankung bei Männern.

Brustkrebs bei den Frauen.

Schleifen als Botschaft

Angefangen hat vermutlich alles mit einem gelben Band, das für Soldaten des amerikanischen Bürgerkriegs bis zu deren Rückkehr an einen Baum gebunden wurde. In der Folge wurde die Schleife in den USA, aber auch in Europa als Symbol für Erkrankungen wie Aids oder Krebs immer populärer.

 

 

 

Der Onkologe lehnt lässig an der Wand, mitten auf dem Flur der Station. Nüchtern erklärt er mir, das sei gut zu behandeln, die Chancen auf Heilung betrügen 90 Prozent. Sechs Chemotherapien, eine Reha und fertig. Mehr bräuchte es nicht. Er verschweigt, dass viele Hodgkin-Patienten nach den Therapien noch in die Bestrahlung müssen. Kein Wort über Nebenwirkungen; die der nächsten Monate, die der nächsten Jahre. „Das ist schon zu schaffen“, gibt er mir auf den Weg. All das sagt er ohne das Ergebnis einer Biopsie, die Entnahme von Gewebe, die erst die Klarheit bringt. Er ist sich sicher.

Neben mir steht mein Vater. Er will mich aufbauen. Ob ich das denn gehört hätte, fragt er mich, „Basti, 90 Prozent!“ Für den Moment funktioniert es. Etwas Handfestes, mit dem ich, mit dem wir, arbeiten können, eine Prognose, für die andere ihr Leben gäben. Dann erschlägt es mich wieder, mit unendlicher Wucht: „Basti“, sage ich zu mir, „du hast Krebs. Sonst wärst du doch gar nicht hier. Du hast eine Krankheit, die Menschen jämmerlich zugrunde gehen lässt, keinen Halt zu machen scheint, vor nichts.“

Ich liege in einem Vierbettzimmer, 18 Tage lang, meist zusammen mit älteren Herren, die jede der Schwestern längst bei ihren Vornamen kennen. Wir stellen uns einander nicht vor. Wir begrüßen uns onkologisch. „Und, welchen hast du?“ „Nur einen Lymphdrüsenkrebs“, antworte ich, fast schon entschuldigend, alles gar nicht so schlimm. Ich habe Mitleid mit den Gegenübern; ihren fehlenden Haaren, den dürren Körpern, ihren Aussichten, die so viel düsterer sind als meine. Mehr noch ist es Selbstschutz. Ich will nicht zu ihnen gehören. Dabei tue ich es längst.

Drei Kernspintomografien, der Kontrolle wegen, weil die Ärzte weitere Tumore ausschließen müssen. Eine Knochenmarkpunktion. Die Anlage des Ports in meine rechte Brust, das Implantat, durch das die Chemotherapien laufen. Ein Lungenfunktionstest. Zwei Ultraschalle am Herzen, an dem sich durch den Tumor Wasser gesammelt hat. Das Einfrieren meines Spermas. Neun von zehn Männern sind nach meiner Therapie nicht mehr in der Lage, auf natürlichem Wege ein Kind zu zeugen. Und die Biopsie, die Entnahme des geschwollenen Lymphknotens am linken Schlüsselbein. Sie gibt die letzte Gewissheit, raubt mir den letzten Funken Hoffnung, dass alles ein Missverständnis ist, das makaberste meines Lebens. Der endgültige Beweis meiner Niederlage. Klassisches Hodgkin-Lymphom, steht auf dem Arztbrief, nodulär-sklerosierender Typ. Stadium IV mit Begleitsymptomen: Nachtschweiß, Fieber und Gewichtsverlust, sieben Kilo in zwei Monaten. Lösungsansatz sei die chemotherapeutische Anwendung BEACCOP eskaliert mit sechs Zyklen, jeder einzelne mit einer Dauer von drei Wochen. Die Infusionen bestehend aus Bleomycin, Etoposidphosphat, Adriamycin, Cyclophosphamid, Vincristin und Procarbazin gäbe es stationär, immer in den ersten drei Tagen einer Therapie. Am Ende stünde eine Untersuchung, das PET-CT.

Sebastian Schramm heute
Sebastian Schramm heute
 

Worte und Sätze, die man kaum versteht. Ich will sie erst gar nicht verstehen. Für mich steht da nicht, ich leide an Krebs, eingeteilt in das höchste Stadium der Hodgkin-Krankheit. Für mich steht da, ich würde das durchstehen. Daneben die Worte der Psychologin, ich wäre gesund, wenn es kalt ist, die Wege vom Schnee bedeckt. Im Rückblick weiß ich, dass es womöglich nie schlecht ist, mit Naivität und Trotz in einen Kampf zu ziehen. Nicht zu wissen, wie viele schlechte Tage auf einen warten, wie viele negative Gedanken, wie viele Momente, in denen man am liebsten aufgeben möchte.

Nach der Versorgung in Schwerin, den 18 Tagen mit den Untersuchungen und der ersten Therapie, gehe ich nach Stralsund, um bei meiner Familie zu sein. Zurück in das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde. Mein Kopf hängt irgendwo in den Wolken: noch immer mit Haaren, ich fühle mich in einem ordentlichen Zustand, alles gar nicht so schlimm.

Kurz danach setzen die Medikamente den Radiergummi an. Mit jeder Sekunde wischen sie Leben aus dem Gesicht, dem Körper. Das ist meine Chemotherapie: Je weiter der Organismus vom Diktat des Krebs’ befreit wird, je größer die Schritte in Richtung Gesundheit, desto kränker sehe ich aus. Das untrügliche, aber schmerzhafte Zeichen, dass die Jagd nach den schnellwachsenden Zellen funktioniert, denn nichts anderes ist Krebs. Nur kann die Chemotherapie nicht unterscheiden. Sie bekämpft alles, was sich schnell vermehrt, sich schnell verändert; die bösartigen Tumorzellen – aber eben auch Haare, Fingernägel, Schleimhäute. Dazu ein schräges Blutbild, rote und weiße Blutkörperchen werden nicht mehr in dem Maße produziert, wie es der Körper braucht, ebenso die Blutplättchen. Die Konsequenz: keine Abwehrkräfte, keine Energie, keine Gerinnung. Schon ein Stoß reicht aus, um eine nicht enden wollende Blutung auszulösen. Übelkeit und Erbrechen. Kaputte Nerven an Füßen und Händen. Störungen der Blase und der Niere. Schmerzen bei jedem Gang auf die Toilette. Unfruchtbarkeit. Und die bittere Erkenntnis, dass die widerlichste Nebenwirkung einer Chemotherapie die ist, die man noch nicht sehen kann: das erhöhte Risiko, im Laufe des weiteren Lebens an einer Leukämie oder einem Zweittumor zu erkranken. Den Krebs beseitigen, um ihn wieder zu bekommen. Aber welche Wahl bleibt?

***

Biopsie heißt übersetzt Leben und Sehen. Das Gespräch mit der Psychologin am Krankenbett, wir führen es wenige Momente vor der Biopsie. Sie skizziert meinen Weg, erzählt von meinem zukünftigen Leben, von Freude und Glück. Sie sieht es schon. Anders als ich, erdrückt von diesem Begriff ‚Krebs’, der meinen Blick für alles Zukünftige versperrt. Sie nimmt mir die existentielle Angst. Die, bald nicht mehr da zu sein. 161 Tage später, am 19. September, sagt mir der Onkologe in Stralsund, ich bräuchte nicht mehr bestrahlt zu werden, ich hätte es geschafft. Vor ihm lächle ich still in mich hinein. Später, im Haus meiner Eltern, bricht es aus mir heraus. Ich weine und kann nicht mehr damit aufhören. Seit Mitte Januar bin ich wieder in Schwerin, arbeite stundenweise in meiner Redaktion. Am Tag des Umzugs kommt der Winterdienst mit dem Schneeschieben nicht mehr hinterher. Die Bäume sind kahl.




 

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