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Betreuung und Pflege in Schwaan-Waldeck : Leben in der Warteschleife

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Vor einem Jahr kam ein Malchiner auf die Wachkoma-Station im Haus der Betreuung und Pflege in Schwaan-Waldeck. Auf dem Weg nach Hause war er zusammengebrochen. Er hatte einen Kreislaufkollaps.

Rostock | Hartmut kann wieder laufen. Vor einem Jahr kam der Malchiner nach Waldeck. Zusammengekrümmt, fast komplett bewegungsunfähig. Auf dem Weg nach Hause war er zusammengebrochen. Kreislaufkollaps. Sein Leben wurde gerettet, aber sein Körper blieb hilflos. Die Reha-Abteilungen hatten ihr Möglichstes getan, dann wurde der 50- Jährige auf die Wachkoma-Station im Haus der Betreuung und Pflege in Schwaan-Waldeck verlegt.

Jetzt geht er langsam über den Flur und wird demnächst entlassen. "Er ist zu gut für uns", sagt Dörte Pukowski mit einem Lächeln. Was die Heim- und Pflegedienstleiterin meint: Die intensive Betreuung der Wachkoma-Station hat er nicht mehr nötig. Anders als andere Patienten. Rico zum Beispiel. Der 32-Jährige sitzt mit Physiotherapeut Wolfram Kühn auf einer Liege. Die Arme angewinkelt und an den Leib gepresst, die Hände abgeknickt, den Kopf nach unten geneigt. Sein Blick geht ins Leere, Schniefen und schweres Atmen sind seine einzigen Regungen.

Damit die Lebensgeister wieder in Gang kommen

Wolfram Kühn ist dennoch stolz auf Rico. "Als er zu uns kam, war undenkbar, dass er einmal sitzen würde", erzählt er. Steif wie ein Brett sei er damals gewesen. Kühn hat den Arm um Ricos Schulter gelegt, damit er nicht vornüber fällt. Aber die Geste sieht auch freundschaftlich aus, fürsorglich. Dörte Pukowski und Wolfram Kühn reden mit Rico, sagen, was um ihn herum passiert, erklären, was sie mit ihm machen. Und was machen sie? "Alles, was geht", sagt Kühn. Bei Wachkoma-Patienten gibt es kein Patentrezept. Den Körper beanspruchen, dass er entspannt. Übungen, Ausfahrten mit dem Rollstuhl, aufrecht hinsetzen oder auf den Stehbarren stellen. Dann kommen die Lebensgeister im Körper wieder in Gang.

Die Behandlung der Betroffenen muss sich vorsichtig vorantasten - und auch für das Wachkoma an sich gibt es nur eine Umschreibung. Apallisches Durchgangssyndrom nennen es die Mediziner. Ein Leben in der Warteschleife. Die Körper funktionieren, doch die Betroffenen sind nicht wirklich bei Bewusstsein, sie reagieren nicht oder nur sporadisch, die Augen fixieren nichts. Anders als Hartmut. Er hatte sein Bewusstsein nie ganz verloren. Auch Rico zeigt Regungen. Doch was er wirklich wahrnimmt von seiner Umwelt, das weiß niemand. An diesem Punkt ist die Schulmedizin am Ende. "Wir haben gelernt: diese Menschen brauchen Ruhe, Zeit und stetige Förderung", sagt Dörte Pukowski. Die Pflegekräfte sorgen für eine ganzheitliche Pflege. Sie setzen Reize, üben die Wahrnehmung, Logopäden kommen zum Einsatz. Und die Physiotherapeuten. Die gibt es als fest angestellte Kollegen nur im Haus der Betreuung und Pflege, das ist einzigartig in Mecklenburg-Vorpommern. Günstig auch die enge Anbindung an die Fachklinik für Rehabilitation mit medizinischem Know how im selben Gebäude. Und auch die Unterstützung der Verwandten gehört dazu. Sie werden einbezogen, Dörte Pukowski begrüßt manche von ihnen auf dem Flur wie Freunde.

"Eine beglückende Erfahrung"

Die Wachkomastation wurde 1999 eingerichtet. Betreut werden derzeit 26 Menschen mit schwersten Hirnschäden. Nach einem Schlaganfall zum Beispiel. Oder einer Hirnblutung. Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt bei Anfang 50. Denn viele jüngere Patienten kommen nach Unfällen auf die Station. So wie Rico vor mehr als zehn Jahren. Es war sein 20. Geburtstag, an dem der 1979 geborene Mann noch einmal ins Auto stieg, um etwas zu erledigen. Was dann geschah, weiß niemand genau, und Rico kann es nicht mehr erzählen. Er wurde in seinem zerstörten Auto gefunden, sein Gehirn hatte bereits Schaden genommen. Er wurde einer der ersten Bewohner der neu gegründeten Wachkomastation.

Und wenn einmal ein Patient aufwacht? "Das ist meist ein langsamer, schleichender Prozess, den wir hier schon mehrfach erlebt haben", sagt Dörte Pukowski. Einmal sei ein Patient aber auch fast schlagartig wieder zu Bewusstsein gekommen. Er erzählte, dass er die ganze Zeit über Stimmen, Stimmungen, Hell und Dunkel wahrgenommen habe. "Eine beglückende Erfahrung für uns." Und ein neuer Ansporn, die Bewohner ins Leben der Station einzubeziehen - sie aktiv zu halten. Sie sind vielleicht abwesend. Aber sie sind da.

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erstellt am 17.Dez.2011 | 02:50 Uhr

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