Kritik wegen IS-Vergleich : Latchinian schließt Rücktritt aus

Sewan Latchinian – Zitat von der Theaterdemo am  9. März in Neustrelitz
Sewan Latchinian – Zitat von der Theaterdemo am 9. März in Neustrelitz

Rostocker Theaterintendant wegen IS-Vergleich in der Kritik / Bürgerschaft beschäftigt sich mit dem Fall / Latchinian verteidigt sich

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25. März 2015, 21:13 Uhr

Heute beschäftigte sich die Bürgerschaft in Rostock im nichtöffentlichen Teil mit der heftigen Kritik an der Rede des Rostocker Theaterintendanten Anfang März auf einer Theater-Demo in Neustrelitz. Dort hatte Sewan Latchinian die Zerstörung von jahrtausendealten Weltkulturerbestätten durch die Terroristen des „Islamischen Staates“ mit der „Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen“ in MV verglichen. Gegenüber unserer Redaktion bestätigte gestern Latchinian nicht nur die Zitate, sondern verteidigte sie auch in nebenstehendem Interview. In Rostock schlagen die Wogen hoch. Forderungen nach einer Entlassung des Intendanten, zumindest aber einer disziplinarischen Maßnahme wurden gestern diskutiert. Eine Sondersitzung des Hauptausschusses soll folgen. Den Stein ins Rollen gebracht hatte ein Brief von Ex-Landtagsabgeordneten Michael Körner (SPD) aus Neustrelitz, der Latchinian vorwarf „Mörder und fanatische Kulturzerstörer“ mit Repräsentanten des demokratischen Rechtsstaates zu vergleichen. Körner verlangte eine Erklärung. Max-Stefan Koslik sprach mit dem Rostocker Intendanten.

Herr Latchinian, für die Äußerungen in Neustrelitz werden Sie heftig kritisiert, weil Sie deutlich zu weit gegangen seien, was sagen Sie zu der Kritik?
Latchinian:
Sollte sich jemand persönlich angegangen fühlen, tut mir das leid. Mir ging es um einen geschichtlichen Horizont, ohne den Kunst, Kultur und Kulturpolitik nicht gedacht werden können, im Guten wie im Bösen. Das deutsche Kulturverständnis nach 1945 wäre ohne dieses Bewusstsein kaum möglich gewesen.

Stehen Sie weiter zu den Zitaten?
Gemeint war, dass wir uns gerade angesichts der akuten Zerstörung von Kulturwerten im Irak und in der ehemaligen DDR als Deutsche der Verantwortung erinnern sollten, behutsam mit dem Ererbten umzugehen. Eine Gleichsetzung grundverschiedener Vorgänge war von mir nicht beabsichtigt.

Wie wollen Sie mit den Gesellschaftern der Stadt Rostock, den Politikern in  Bürgerschaft und Land wie Kultusminister Matthias Brodkorb die Zukunft des Rostocker Theaters gestalten, wenn  Sie auch in anderen Interviews immer wieder das Tischtuch zerschneiden?
Für das Volkstheater geht es um existentielle Fragen, da werden Sie verstehen können, dass man die Dinge klar ausspricht. Das gehört doch zum viel beschworenen Sportsgeist der Politik, wenn ich das richtig sehe. Aber natürlich: Das Miteinander-Weiterreden auch.

Politiker würden nach einem solchen Fauxpas  überlegen, ob sie ihren Hut nehmen  müssen. Denken Sie über einen Rücktritt nach?
Als Künstler habe ich das Recht auf poetische und satirische Zuspitzung. Über Rücktritt denke ich immer mal wieder nach, seit dem Beginn meiner Intendanz im September – aber aus Protest gegen den Umgang mit mir, der für fünf Jahre aufgrund einer Ausschreibung für ein Vier-Sparten-Theater nach Rostock gekommen ist. Jeder normale Mensch wird nachvollziehen können, dass die Nerven eines leidenschaftlichen Theatermannes unter solch widrigen Umständen sehr dünn geworden sind. Aber ich bleibe als Kapitän auf der Brücke und will unseren Erfolgskurs fortsetzen. Es geht also nicht um Rücktritt, sondern um eine hoffentlich baldige Rückkehr zu einer verantwortlichen, traditionsbewussten und auskömmlichen Kulturpolitik, sowie um den Erhalt aller Theater in Mecklenburg-Vorpommern mit allen Sparten und Arbeitsplätzen.

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