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Theater in der alten Polizeiwache Schwerin : Lasst uns mit der Vergangenheit spielen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Umsiedeln“: Regiekollektiv Prinzip Gonzo entführt in der Alten Polizeiwache in Schwerin auf eine Zeitreise.

von
erstellt am 13.Mär.2017 | 12:00 Uhr

„1913 habe ich meinen Schal vergessen.“ Spätestens als Johanna das sagt, weiß ich, dass ich im falschen Film bin. Oder im richtigen Theater. Johanna ist eine der vier Premierengäste, mit denen ich in einer Vierergruppe, wie 15 andere Teams auch, am Freitagabend auf eine theatralische Zeitreise in die Vergangenheit aufbreche. Johanna, Maria, David und ich. Ort des fantastischen Geschehens: die Alte Polizeiwache in der Schweriner Amtstraße. Dieses ehrwürdige, inzwischen ziemlich abgerockte Haus, in dem schon Herzogs Gendarmen und Polizisten in finstersten und finsteren Zeiten ihrer Ämter walteten, hat für einen Monat ein Regiekollektiv aus fünf jungen Künstlern mit dem lustigen Namen „Prinzip Gonzo“ gekapert, um ein Theater jenseits von Guckkastenbühne und moralischer Anstalt zu zelebrieren. Wobei ich besser von einem Theater der Möglichkeiten sprechen sollte, denn die Gonzos (Alida Breitag, David Czesienski, Robert Hartmann, Holle Münster und Tim Tonndorf) inszenieren gemeinsam mit Schauspielern und Statisten eher eine Versuchsanordnung, in der die Zuschauer, also die Zeitreisenden, für anderthalb Stunden, nach Lust und Laune spielen können.

Ausgangspunkt und Grundidee des Spektakels, das man sich als höchst amüsanten, intellektuellen Kindergeburtstag mit gruppendynamischem Spaß vorstellen kann, ist eine ominöse Arbeitsagentur, die Leute auf Reisen in die Vergangenheit schickt, wo sie Ahnen – von Schauspielern dargestellt – treffen, denen Geheimnisse abgeluchst werden müssen. Im Spiel. Mit allen Mitteln. Mit fast allen. In zwei Minuten. In Räumen, die mit wenigen Requisiten die Jahre 1934, 1947, 1963 und 1994 heraufbeschwören. Und 1913, das Jahr also, in dem Johanna ihren Schal vergaß. Diese Jahre sind nicht zufällig gewählt. Das ganze Projekt heißt „Umsiedeln“ und fängt nicht nur den Geist der Alten Wache in wechselnden Zeiten ein, sondern erinnert auch daran, dass gerade Mecklenburg und Schwerin immer Orte waren, in die und aus denen Menschen flüchteten. Den Raum 2017 mag, wer will, selbst dazudenken.

Jedem dieser Räume, in denen die Ahnen höchst lebendig und von den Spielern nach allen Regeln der Improvisationskunst umherspuken, ist ein Archivzimmer angeschlossen – mit historischen Fotos, allerlei Krempel vom Stalingemälde bis zum Hirschgeweih – und, ganz wichtig, Requisiten und Hinweisen, die bei der Beschaffung der geheimen Nachrichten aus der Vergangenheit helfen.

So wandelte unser fantastisches Team auf den Spuren eines Amuletts, andere versuchten, den Ahnen Rezepte oder den Weg einer Statue zu entlocken. Kurzum: Wer die in naher Zukunft nicht sehr wahrscheinliche Gelegenheit nicht verpassen will, auf eine Zeitreise in die Vergangenheit zu gehen und dabei mehr Spaß zu haben, als sich zu gruseln, sollte nicht versäumen, die Alte Polizeiwache zu stürmen. Johannas Schal übrigens tauchte nicht wieder auf. Weder 1913 noch später. Wenn die Gespenster der Vergangenheit und die der Gegenwart aufeinanderprallen, kann zuweilen alles passieren.

Geschichte ist und bleibt ein gefährlicher Ort.

Weitere Vorstellungen: am 15., 16., 23. und 24. 3 sowie 1. 4. um jeweils 19.30 Uhr, 2. 4. um 18 Uhr, 11., 12. und 22. 4. um 19.30 Uhr sowie
am 23. 4. um 18 Uhr in der Alten Polizeiwache, Amtstraße 21-23, Schwerin; Kartentelefon: 0385 5300-123


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