Interview : Langfristig muss die Hälfte der Schulen schließen

Bernd Raffelhüschen ist Professor für Finanzwissenschaft an den Universitäten Freiburg und Bergen (Norwegen).
Bernd Raffelhüschen ist Professor für Finanzwissenschaft an den Universitäten Freiburg und Bergen (Norwegen).

Bernd Raffelhüschen: MV muss sich auf leere Landstriche einstellen

svz.de von
16. Juli 2015, 12:00 Uhr

Demografischer Wandel in MV: Das Land wird sich auf leere Landstriche einstellen müssen, erwartet Prof. Bernd Raffelhüschen, Demografie-Experte an der Uni Freiburg. Tobias Fligge sprach mit ihm.

Leerstände, Versorgungsengpässe und schließende Schulen – können wir den demografischen Wandel noch abwenden?
Raffelhüschen: Nein, die Vergangenheit können wir nicht ändern. Der demografische Wandel ist längst da. 40 Jahre hatten wir eine Geburtenrate auf einem vergleichbaren Niveau mit 1945. Das hat unmittelbare Konsequenzen.

Müssen wir uns in MV auf leere Landstriche einstellen?
Ja, aber dünn besiedelte Gebiete gab es schon immer. Nur in Mecklenburg-Vorpommern wird die Entwicklung noch drastischer ausfallen als beispielsweise in Schleswig-Holstein, da die Abwanderung hier weit stärker war. In Mecklenburg-Vorpommern war man es zu DDR-Zeiten nicht gewohnt, wegzugehen, da die Jobs zu den Leuten kamen. Jetzt müssen die Menschen dort hingegen, wo die Arbeit ist.

Welche Probleme kommen auf uns zu?
Das Problem ist nicht, dass wir älter werden. Das Problem ist die Versorgung. Gerade die Gesundheitsversorgung ist auf dem Land schwerer zu regeln als in den Städten. Ein hohes Durchschnittsalter und eine starke Abwanderung: Wer soll denn die Älteren noch pflegen, wenn die Jungen weg sind? Gerade Mecklenburg-Vorpommern muss sich daher stärker auf eine stationäre Pflege einstellen müssen. Auch viele Schulen haben auf die demografischen Prognosen nicht reagiert. Es wurden Gebäude saniert, für die es in Zukunft keine Schüler gibt.

Noch gibt es ja viele Kinder.
Das ist ein vorübergehender Zustand. Es gibt einfach immer weniger Mütter, die immer weniger Kinder zur Welt bringen. Langfristig rechne ich damit, dass wir die Hälfte der Schulen schließen müssen. Die jetzigen Gesundheits- und Bildungsleistungen werden wir so nicht aufrechterhalten können.

... und Pflegeleistungen?
Ich würde nicht darauf bauen, dass sie auf dem aktuellen Stand bleiben. Hier werden sich die Beitragszahler der Zukunft zur Wehr setzen. Sie müssen immer mehr Menschen immer länger versorgen. Das ist ihnen bei den Kosten nicht zuzumuten. Unter den Voraussetzungen werden wir für Pflegeleistungen zahlen müssen, wie für die Rente.

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