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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 19:07 Uhr

Landwirt sät unwissend Genmais aus

vom

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erstellt am 07.Jun.2010 | 08:14 Uhr

Hannover/Schwerin | In Deutschland ist auf bis zu 3000 Hektar illegales, gentechnisch verändertes Saatgut in die Erde gelangt, obwohl das zuständige Landwirtschaftsministerium in Niedersachsen seit Anfang März von der Verunreinigung wusste. Das haben Recherchen der Umweltschutzorganisation Greenpeace ergeben.

"Es handelt sich um den bisher größten Gentechnik-Saatgutskandal in Deutschland", sagt Stephanie Töwe, Gentechnik-Expertin von Greenpeace. Das niedersächsische Ministerium hat die Recherchen bestätigt: Landwirte in sieben Bundesländern, darunter auch Mecklenburg-Vorpommern, kauften das betroffene Saatgut einer Firma aus Buxtehude, welches bis zu 0,1 Prozent mit dem Gen-Mais NK603 kontaminiert ist. Der gegen chemische Unkrautvernichtungsmittel resistente Mais darf in Europa nicht angebaut werden. "Eine Saatgutverunreinigung von 0,1 Prozent reicht, dass etwa 100 gentechnisch veränderte Pflanzen auf einem Hektar wachsen", erklärt die Gentechnik-Expertin. Um irreparable Schäden zu vermeiden, müsse der Genmais der Firma Pioneer Hi-Bred noch vor der Blüte vernichtet werden, so Töwe.

Bereits im April hätte Greenpeace die Ergebnisse der jährlichen Saatgut-Untersuchungen der Bundesländer nach dem Umweltinformationsgesetz abgefragt und veröffentlicht. "In neun Bundesländern waren die Saatgutproben verunreinigt", so Töwe. Bis auf Niedersachsen hätten alle Länder die Vernichtung des Saatgutes oder den Rückruf aus dem Handel veranlasst. "Wir können uns nicht erklären, warum das Ministerium in Hannover erst Ende April von der Verunreinigung gewusst haben will", kritisiert die Expertin. Zu diesem Zeitpunkt sei das Saatgut zum Teil schon in der Erde gelandet. Die Untersuchungsergebnisse hätten schon im Februar vorliegen müssen. "Entweder wurde hier geschlampt oder die Aussaat bewusst in Kauf genommen."

Die Pflanzen müssten sofort vernichtet werden, sagte gestern auch Agrarminister Till Backhaus (SPD). "Das ist eine ziemliche Sauerei, was die Niedersachsen gemacht haben, wir erwarten klare Informationen", forderte der Minister. Nach bisherigen Erkenntnissen hat ein Landwirt in Mecklenburg-Vorpommern gentechnisch verändertes Mais-Saatgut, das von Niedersachsen aus vertrieben wurde, erhalten. Dabei handelt es sich um mindestens 20 Einheiten, die für eine Aussaat auf 30 Hektar ausreichen. Die Recherchen sind aber noch nicht abgeschlossen - so ist nach wie vor unklar, wo sich die betroffenen Flächen befinden. Backhaus plädiert dafür, die betroffene Fläche umzupflügen oder die Pflanzen mit einem Herbizid zu vernichten, obwohl von ihnen keine Gefahren für Mensch und Umwelt ausgingen. "Gesundheitliche Schäden an Mensch und Tier können niemals ganz ausgeschlossen werden", betont Stephanie Töwe von Greenpeace.

Von einer öffentlichen Bekanntgabe des betroffenen Landwirts nimmt das Ministerium Abstand: "Der Landwirt ist schuldlos in diese Situation geraten. Von seinen Flächen geht keine Gefahr aus, auch nicht für benachbarte Landwirte. Der Imageschaden für den Landwirt hingegen ist angesichts der angeheizten öffentlichen Debatte groß", argumentiert der Minister.

In Brandenburg hingegen sind die betroffenen Landwirte nicht angehalten, die verunreinigten Pflanzen zu vernichten. "Wenn das Saatgut schon ausgebracht ist, ordnen wir nicht den Umbruch an, weil dafür noch eine belastbare Grundlage fehlt", sagte gestern Peter Rudolph, Referatsleiter Gentechnik im brandenburgischen Umweltministerium. "Wir empfehlen aber natürlich, nicht auszusäen."

Die Bundesländer testen jährlich Saatgut auf gentechnische Verunreinigungen. Die Ländergemeinschaft hatte sich darauf geeinigt, die Analysen bis 31. März abzuschließen, ehe die Aussaat beginnt. Werden in den Samen Verunreinigungen gefunden, kann es rechtzeitig zurückgerufen werden, die Felder bleiben genfrei. In Deutschland ist der Anbau von gentechnisch verändertem Mais seit 2009 verboten. Für Verunreinigungen auf dem Feld und Schadensersatzforderungen für die Vernichtung bereits ausgesäter Pflanzen haftet der Saatgut-Hersteller.

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