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Kampf um Entschädigung : Landwirt klagt gegen Pipeline

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Thomas Schulz steht auf einem drei Meter hohen Erdwall auf seinem Acker bei Suckwitz (Landkreis Rostock), schimpft über das Unkraut und die tiefen Spuren der Baufahrzeuge.

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erstellt am 28.Nov.2011 | 06:54 Uhr

Güstrow | Thomas Schulz steht auf einem drei Meter hohen Erdwall auf seinem Acker bei Suckwitz (Landkreis Rostock), schimpft über das Unkraut und die tiefen Spuren der Baufahrzeuge. Der Boden wurde für die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL) ausgehoben, die russisches Gas von Lubmin ins niedersächsische Rehden transportieren soll. Der Acker von Schulz ist Teil dieser Baustelle, mit der der Landwirt und seine Ehefrau überhaupt nicht einverstanden sind. "Der Grund und Boden, auf dem gebaut wird, ist unser Eigentum. Und es werden ohne unser Einverständnis einfach Tatsachen geschaffen", beklagt Cordula Schulz. Das Unkraut scheint nur das geringste Problem, der Samen verunreinigt aber die anderen Kulturen auf den Feldern. "Ich habe keine Pflanzenschutztechnik, die auf den Dammhängen fahren kann, um Schäden an den Kulturen zu verhindern. Und überhaupt: Ist nicht der Investor dafür verantwortlich?", fragt Schulz.

Angst vor einer Gasexplosion

Das Ehepaar Schulz ist sich auch sicher, dass die Gasrohre einen Wertverlust ihrer Grundstücke zur Folge haben, etwa eine mögliche künftige Bebauung ausschließen. Zudem ist da die Angst vor Pannen, etwa einem Leck oder gar einer Gasexplosion. "Und wer kümmert sich ganz aktuell um meine Ernteausfälle", fragt der Landwirt. Zehn Tage vor der Ernte sei durch sein Weizenfeld ein über 100 Meter breiter Streifen für die Pipeline geschlagen worden.

Warten bis nach der Weizenernte wollten die Investoren nicht. Dafür sei der Zeitplan zu eng, hieß es aus der Unternehmenszentrale von WinGas, Betreiber der Pipeline. "Für alle entstandenen Schäden wird ein Ausgleich gezahlt", versichert Sprecherin Antje Knollmann. Doch auch sie kann nicht sagen, auf welcher Beweisgrundlage das geschehen wird.

Schulz muss also weiterhin einfach nur zusehen, was mit seinem Acker passiert. Fast im Stundentakt rollen Spezialfahrzeuge mit den 18 Tonnen schweren Röhren auf die Baustelle, die für den 440 Kilometer langen Strang im Akkord verschweißt werden. Der Landwirt befürchtet, dass beim Baggern die Drainage zerstört wird. Schon jetzt habe sich ein kleiner See auf dem Feld gebildet, "den gab es früher nicht", sagt Schulz. Bei jedem Regen müsse er nun damit rechnen, dass der Acker unter Wasser stehe und dann nicht zu bewirtschaften sei.

Das Ehepaar Schulz hat mittlerweile eine lange Reihe von Aktenordnern, alles Schriftverkehr mit Genehmigungsbehörden. "Überall sind wir mit unserem Anliegen abgeblitzt. Auch beim Bergamt in Stralsund, das trotz unserer vorgetragenen Einwände grünes Licht für das Bauvorhaben gegeben hat", ärgert sich die promovierte Landwirtin Cordula Schulz. Auch ein beim Schweriner Landgericht beantragter Baustopp scheiterte.

"Wir stehen das durch"

Arndt Müller, Umweltexperte vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sind Landwirte, die auf ihren durch Bauprojekte entstandenen Schäden sitzen bleiben, nicht unbekannt. Auch beim Bau der Autobahn 20 seien den betroffenen Landwirten vollmundig Entschädigungszahlungen in Aussicht gestellt worden. "Doch längst nicht alle sind auch geflossen", sagt Müller.

Thomas Schulz hat auch deshalb bis heute seine Unterschrift unter die Baugenehmigung für die NEL verweigert. "Ich bin nicht gegen den Bau, verhindern kann ich ihn ohnehin nicht. Aber ich will endlich Antwort auf meine Fragen haben", gibt sich der Landwirt kämpferisch und fordert einen Baustopp, bis alle Fragen zur Entschädigung geklärt sind. Sein Fall liegt jetzt beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

"Inzwischen leider als Einzelkämpfer", bedauert er. Viele ähnlich betroffene Landwirte seien zwischenzeitlich angesichts der auflaufenden Kosten abgesprungen. "Aber wir stehen das durch", kündigt der Landwirt an.

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