Landtagswahl MV : Wahlplakate: Bunte Flut – statt Ideen

Parteien im Land haben für den Wahlkampf Millionen ausgegeben. Doch die Plakate verfehlen ihre Wirkung

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13. August 2016, 05:00 Uhr

Kurz vor der Landtagswahl im September hängen sie überall: die Wahlplakate. Breit grinsend im Schein der Straßenlaternen verfolgen uns so die Spitzenkandidaten sogar bis nach Hause. Zusammen mit dem bekannten Schweriner Grafiker Gunther Bréchôt haben wir uns die Plakatlandschaft etwas genauer angesehen.

Sein erster Eindruck: „Es sind einfach zu viele.“ Vor lauter Plakaten sehe man quasi die Botschaften nicht, meint Bréchôt. Er muss es wissen. Der Grafiker widmete sich einen Großteil seines Lebens der Plakatillustration und unterrichtete das Fach auch an der Designhochschule in Schwerin.

 Eineinhalb Sekunden – mehr Zeit hätte ein Wahlplakat nicht. Eineinhalb Sekunden, um beim Betrachter Aufmerksamkeit zu wecken, eine Botschaft zu vermitteln und im Kopf zu bleiben. Ein Wimpernschlag. „Machen Sie den Test. Betrachten Sie die Plakate für zwei Sekunden“, sagt Bréchôt. Was bleibt hängen? Das Wahlversprechen der Partei?  Eine Ziege?  Ein Hinterkopf oder ein buntes Durcheinander? „Das geht nach hinten los“, meint Bréchôt. „Selbst als Grafiker habe ich viele Plakate bisher gar nicht wahrgenommen, und ich bin ein sehr visueller Mensch.“

Das größte Problem: „Die Wahlplakate fristen ein bescheidenes  visuelles Dasein“, sagt Bréchôt. Viel zu viele Elemente befänden sich zumeist auf den Pappen. Oft fehle die klare Botschaft. Gute Wahlplakate müssten zwischen vielen herausstechen. „Das machen sie aber nicht“, bedauert Bréchôt.

Überraschungsmomente gebe es gar nicht. Da zählt der Hinterkopf von Helmut Holter (Linke) noch zu den aufregendsten Gestaltungsideen. Auch die schlecht freigestellte Ziege von den Freien Wählern ist ein Hingucker.  Doch was sollen uns diese Plakate sagen? Wählt die Ziege? Dazu der Spruch „Meckerst DU noch, oder wählst DU schon?“ Wo bitte ist die inhaltliche Aussage?  Apropos: „Viele der Plakate haben vollkommen inhaltslose Überschriften, die keinen Sinn machen“, moniert Bréchôt. 

Was bedeutet„Federfreunde statt Schreddermüll“ (Tierschutzpartei) und was ist eine „Fortschrittsbeschleunigerin“ (FDP),  fragt sich wohl der eine oder andere. Petra Federau  (AfD) wirbt nicht nur mit arabischen Hengsten, sondern auch im Dirndl vor einem See. Dazu gibt es den Spruch: „Weitblick und Mut“. „Wenn ich das sehe, denke ich, es handelt sich um Reklame für Reisen an einen Gebirgsbach“, sagt Bréchôt. Die Piraten   werben mit „Themen statt Köpfe“ – dann bitte Themen, liebe Piraten. Pfiffiger erscheinen  die Wahlsprüche der Grünen, wie „Für Land und Wirtschaft“.

Die CDU und SPD setzen   vor allem auf Wiedererkennungswert. Doch auch von den vielen „pausbäckigen Gesichtern“, hält Bréchôt nicht viel. „In einem Zeitalter, wo  Stars permanent die Titelseiten der Magazine zieren, sollte man sich fragen, ob man mit einem Porträt überhaupt noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken kann.“ Ein Erwin Sellering (SPD) ist eben kein Brad Pitt. Ein Lorenz  Caffier (CDU) keine Angelina Jolie.

Am besten gelungen  findet Gunther  Bréchôt die Plakate von den Linken. Klare Schrift, kurzer Text, wenig, was ablenkt. „So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig“, erklärt der Grafiker, sei die Devise. Nicht so wie bei den Pappen von FDP, Grünen, Alfa oder der AfD. Die seien zu bunt, zu vollgestopft. „Die Gestalter hatten Angst vor dem Freiraum“, schätzt der Experte. Dabei würde Mut zur Lücke die Plakate erst interessant machen.

Viele Plakate, schlechte Gestaltung, inhaltslose Phrasen. Das sorge für Frust. „Dann passiert es, dass Plakate mutwillig zerstört oder entfernt werden“, sagt Bréchôt. Allein auf Rügen vermeldet beispielsweise die AfD, dass 80 Prozent ihrer Plakate beschädigt wurden. Im gesamten Land kommt es immer wieder zu Anzeigen aller Parteien. Die CDU rechnet durch den Vandalismus mit Mehrkosten in Höhe von etwa 10000 Euro, die FDP musste bereits 120 Plakate ersetzen.

In der heißen Wahlkampfphase, sechs Wochen vor dem Stichtag, dürfen die Parteien so viele Plakate aufhängen, wie sie wollen. Dazu müssen sie nicht einmal Anträge stellen. Ausnahmeregelungen treffen einige Orte für touristische Gebiete. In Schwerin gilt dies zum Beispiel im Bereich des Schlosses.

Im Kampf um Stimmen geben die Parteien Millionen aus. Annähernd 300000 Euro investieren die Grünen.

Die Linke lässt sogar eine halbe Million springen. Bei der SPD und der CDU dürften noch mehr, wenn nicht gar doppelt so viele Euros rollen.

>> Alles rund um die Landtagswahl am 4. September sowie Hintergründe zu den Parteien lesen Sie in unserem Dossier.

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