Wahl ab 16 Jahren : So viele Stimmen verschenkt MV

Jugendliche Wähler stimmen anders ab, als Erwachsene. Sie legen den Fokus eher auf konkrete Sachverhalte als auf globale Programme. Daher wählen sie öfter kleinere oder neue Parteien, was jedoch nicht mit einer Radikalisierung einher gehen muss.
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Jugendliche Wähler stimmen anders ab, als Erwachsene. Sie legen den Fokus eher auf konkrete Sachverhalte als auf globale Programme. Daher wählen sie öfter kleinere oder neue Parteien, was jedoch nicht mit einer Radikalisierung einher gehen muss.

Bertelsmann Stiftung legt Studie zur Wahl ab 16 Jahren vor – über 23 000 Jugendliche dürften damit zusätzlich wählen

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31. August 2016, 05:00 Uhr

Immer mehr Jugendliche zeigen politisches Interesse. Im Vergleich zu noch 30 Prozent im Jahr 2002 bezeichnen sich nach der aktuellen Shell Jugendstudie 2015 inzwischen rund 41 Prozent der Jugendlichen als politisch interessiert. Mit dem Interesse geht üblicherweise auch die Bereitschaft zur Wahl einher. Trotzdem werden Jugendliche ab 16 Jahren – wenn überhaupt – nur in Kommunalwahlen einbezogen.

Das Thema Wahlen ab 16 wird seit Jahren heiß diskutiert. Die Fronten sind verhärtet, schlagkräftige Argumente verbraucht. Die Stiftung Bertelsmann legte aber eine Studie vor, die das Thema unter einem anderen Gesichtspunkt als der sonst diskutierten geistigen Reife Jugendlicher beleuchten will: der Wahlbeteiligung. Denn mit der Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre gäbe es in MV 23 068 Wahlberechtigte mehr. Die 16- und 17-jährigen Jugendlichen machen im Land etwa 1,7 Prozent der Wahlberechtigten aus. Eine hohe Zahl potenzieller Wähler, auf die man in MV derzeit noch verzichtet.

Für die Bertelsmann Stiftung hat sich Professor Robert Vehrkamp aus Gütersloh, Direktor des Programms „Zukunft der Demokratie“, dem Thema angenommen – aus einem sehr persönlichen Grund. „Ich habe mehrere Kinder im relevanten Alter, die sich politisch einbringen wollen. Und eine meiner Töchter war beispielsweise verdammt wütend, dass sie am selben Tag zwar bei der Kommunal-, nicht aber bei der Europawahl mitbestimmen durfte.“

Die Diskussion um die geistige Reife der Jugendlichen möchte der 51-Jährige nach eigenen Aussagen nicht mehr führen. „Diese führen wir ja bei über 18-jährigen Erwachsenen auch nicht“, erklärt er. Wolle man nun aber dafür sorgen, dass auch Jugendliche zu regelmäßigen Wählern werden, müsse etwas getan werden.

Pro Wahl ab 16 Contra Wahl ab 16

Befürworter der Reform sind davon überzeugt, dass 16-Jährige schon die nötige persönliche Reife, das politische Wissen und Interesse haben, um eine Wahlentscheidung treffen zu können.

Durch das Wahlrecht würden die Jugendlichen ein echtes Mitbestimmungsrecht erhalten und so ihre Zukunft selbst mitgestalten können.
Das Recht der Jugendlichen zu wählen würde sich außerdem positiv auf die Politik auswirken. Politiker würden die Jugendlichen als potenzielle Wähler verstärkt ernst nehmen und deshalb die Interessen der Jugendlichen besser vertreten.

Schließlich stabilisert das eigene Wahlrecht und die Teilnahme an Wahlen und erzeugt langfristig politisches Interesse .

Die Gegner der Absenkung des Wahlalters sprechen Jugendlichen mit 16 oft die notwendige Reife für das Wählen ab. Überdies seien Jugendliche leichter zu manipulieren.


Als besonders problematisch erscheint dabei, dass Jugendliche vermehrt zu Extrempositionen neigen und deshalb eher für Parteien mit extremen oder populistischen Positionen stimmen, was zu einer Radikalisierung des politischen Systems führen könne.


Zwischen dem Wahlalter und der Volljährigkeit besteht ein innerer Zusammenhang.


Politisch wird argumentiert, dass Jugendliche sich nicht für Politik interessieren würden, was sich durch die Absenkung des Wahlalters nicht ändern werde.

Im besonderen Fokus der Studie steht daher die Erstwahlbeteiligung. Die stelle sich bei jungen Wählern unterdurchschnittlich dar. „Ein Grund dafür ist vielleicht, dass der Zeitpunkt schlecht ist“, vermutet Vehrkamp. Denn mit 18 Jahren würden sich die meisten Jugendlichen von zu Hause abnabeln, würden ein Studium beginnen und örtlich flexibler werden – hätten also ganz anderes um die Ohren. Dagegen befänden sich die meisten 16-Jährigen noch in der Schule und ihrem gewohnten sozialen Umfeld. „Die Aktivierungschance zur Erstwahl ist dort viel größer“, ist sich der 51-Jährige sicher. Vor allem, weil auch das politische Interesse der Jugendlichen wieder langsam steige.

Zudem könne mit einer Absenkung des Wahlalters auch dem Problem der sozialen Spaltung entgegengewirkt werden, die besonders unter den Jugendlichen stark ausgeprägt sei. Wer in sozial schwachen oder Geringverdiener-Familien aufwachse, gehe statistisch gesehen weniger oft wählen als Kinder aus sozial starken Familien, erklärt der Experte. Werden solche Jugendliche nicht darin bestärkt, wählen zu gehen, wird die Gesamtwahlbeteiligung langfristig einbrechen, vermutet er.

Gelinge es jedoch, 20 Prozent der Jugendlichen aus Nichtwählermilieus bereits in der Schule anzusprechen und zur Bundestagswahl 2017 zu aktivieren, könne die Wahlbeteiligung bis 2049 auf knapp 80 Prozent erhöht werden.

„Dieses Vorhaben ist aber kein Selbstläufer“, warnt Robert Vehrkamp. Es erfordere von Schulen, das Thema Politik viel mehr in den Fokus zu rücken und langfristig zu begleiten. Für den 51-Jährigen durchaus vorstellbar, denn „Politik gehört in einer Demokratie in die Schule, sonst funktioniert Demokratie nicht.“

Wie erwünscht eine Absenkung des Wahlalters jedoch bei den Jugendlichen selbst beziehungsweise dem Rest der Bevölkerung ist, könne der Experte nicht sagen. „Die Meinungen gehen da stark auseinander.“ Während etwas mehr als die Hälfte der Jungwähler selbst die Herabsetzung befürwortet, sprechen sich 87 Prozent der über 60-Jährigen dagegen aus. Das wäre schon in den 1970er Jahren so gewesen, als das Wahlrecht von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt wurde. „Vorher waren die meisten dagegen, kurz nach der Einführung war die Zustimmung dann groß.“

>> Alles rund um die Landtagswahl finden Sie in unserem Dossier.

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