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Lastwagen-Lärm: B 198 soll nachts gesperrt werden : Landrat bremst Lkw-Verkehr aus

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Wenn die Lkw durch Mirow fahren, klirren bei Susanne Luchterhand die Gläser im Schrank. Sie wohnt direkt an der B 198, die viele Fahrer als Hauptverkehrsroute durch das Bundesland nutzen. Besonders nachts ist es schlimm.

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erstellt am 03.Apr.2012 | 07:56 Uhr

Neustrelitz | Wenn die Lkw durch Mirow fahren, klirren bei Susanne Luchterhand die Gläser im Schrank. Sie wohnt direkt an der Bundesstraße 198, die viele Fahrer als Hauptverkehrsroute quer durch das Bundesland nutzen. Besonders nachts sei es schlimm, sagt Luchterhand. "Man kommt nicht zur Ruhe", stimmt ihr Petra Daniels zu. Sie sei deshalb umgezogen, nur ihr Geschäft habe sie noch an der Straße, sagt die Stadtvertreterin und Mitglied der Bürgerinitiative, die sich für den Bau einer Umgehungsstraße seit zwei Jahren stark macht.

Der Sprecher der Bürgerinitiative Marian Lopuszanski hat den Lkw-Verkehr genauer unter die Lupe genommen. "Spitzenwert waren 60 Lkw in 60 Minuten. Jede Minute ein Lkw", sagt er. Es seien in erster Linie Lastzüge aus dem osteuropäischen Raum, die die Abkürzung nach Hamburg oder Rostock über Mirow nehmen.

Neben der Luft- und Lärmbelastung beschweren sich die Einwohner auch zunehmend über Schäden an Straßen und Gebäuden. So müssten mittlerweile jedes Jahr die Gullideckel angehoben werden, weil sie von den Schwerlastern in die Straße gedrückt werden.

Eine Lösung scheint in Sicht: Im Streit um Lastwagen-Lärm wird nun die Bundesstraße 198 in Mirow nachts für Lkw gesperrt. Das kündigte Landrat Heiko Kärger (CDU) gestern nach der Vorstellung eines Gutachtens zur Entwicklung des Schwerlastverkehrs im Osten Mecklenburg-Vorpommerns an. "Es ist keine zufriedenstellende Lösung, aber uns bleibt im Interesse der Gesundheit der Anwohner nichts anderes übrig", sagte Kärger. Für die Sperrung hatte er Mitte 2011 bereits die Genehmigung vom Landesverkehrministerium in Schwerin erhalten. Experten erwarten nun, dass der Schwerlastverkehr auf benachbarte Regionen, wie Waren und Klink an der B 192 ausweicht, und rechnen mit Klagen.

Das Gutachten über möglichen "Mautausweichverkehr" im Osten des Landes hatte das Straßenbauamt Neustrelitz vom Verkehrsplanungsbüro IVV Aachen erarbeiten lassen, weil Anwohner an den Bundesstraßen 104, 96 und 198 immer wieder über Lärm und Erschütterungen durch den Lastwagenverkehr klagten.

Nach Angaben von IVV-Verkehrsplaner Joachim Seiler ist die neu gebaute A20 Stettin-Lübeck "die zentrale Lkw-Achse im Nordosten." Es gebe kaum Lkw-Verkehr, der auf die Bundesstraßen ausweiche, um die Maut zu sparen. Vielmehr fehle eine Ost-West-Straßenachse zwischen dem Süden Vorpommerns und dem A 24-Autobahndreieck Schwerin, die die Orte schone. "Wer bis Hamburg fährt, für den kommt eher die A 20 infrage", sagte Seiler.

Ursache für die besonders hohe Lärmbelastung der Mirower durch bis zu 1000 Lastwagen pro Tag seien vor allem die engen Straßen. Eine Umgehung soll frühestens ab Ende 2015 gebaut werden. Für einen Ausbau der Straßen plädierte der Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Neubrandenburg, Manfred Ruprecht: "Die Infrastruktur ist noch auf Pferdewagen ausgelegt und nicht auf so einen Autoverkehr", sagte Ruprecht. Er kritisierte besonders das Land, weil die seit 1994 geforderte Umgehungsstraße für Mirow noch nicht gebaut wurde.

Seit Monaten gibt es auch in Löcknitz und Strasburg (Vorpommern-Greifswald) sowie in Woldegk Proteste gegen Lkw-Lärm. In einigen Gemeinden versucht die rechtsextreme NPD mit dem Thema Stimmen zu gewinnen. Dabei ist ein fremdes Kennzeichen kein Hinweis auf eine veränderte Fahrtroute, erklärte Verkehrsexperte Seiler.

Polnische und tschechische Firmen übernähmen europaweit immer mehr Frachtverkehr. Etwa die Hälfte aller deutschen Speditionen hätten Tochterfirmen in Polen, 37 Prozent Tochterfirmen in Tschechien.

"Insgesamt liegt die durchschnittliche Straßenbelastung mit 5000 bis 10 000 Fahrzeugen pro Tag in der Region Südvorpommern/Seenplatte nicht besonders hoch im bundesdeutschen Vergleich", sagte Seiler. Der Anteil der Lastwagen betrage dabei zwischen 10 und 25 Prozent. Eine gewisse Ballung gebe es freitags in Richtung Polen und in der Nacht von Sonntag auf Montag nach Westen.

IHK-Chef Ruprecht sprach sich gegen Beschränkungen für Laster aus. "Unternehmen transportieren ja nicht zum Selbstzweck, sondern für die Verbraucher." Bundesstraßen seien dafür da, den Verkehr in der Fläche zu verteilen. "Die Diskussion geht in die falsche Richtung", sagte der 60-Jährige, der selbst eine Spedition und den Verkehrsgewerbeverband im Land leitet. Deutsche Speditionen könnten sich Umwege bei den Dieselpreisen und engen Zeitplänen gar nicht leisten. Auf den teilweise dreispurigen Ausbau der B 96 von Berlin nach Stralsund und die Ortsumgehung Neubrandenburgs warteten Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg seit 20 Jahren.

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