Kunstschau MV : „Landluft macht frei“

„Whaca Doing“ von Zam Johnson, Öl und Acryl
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„Whaca Doing“ von Zam Johnson, Öl und Acryl

„Art & Entertainment“: Eindrücke von der 26. Kunstschau des Künstlerbundes Mecklenburg und Vorpommern im früheren Panzerreparaturwerk Neubrandenburg

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14. August 2016, 09:00 Uhr

Eines darf man dem Künstlerbund Mecklenburg und Vorpommern vorweg bescheinigen: Er findet Jahr für Jahr ungewöhnliche, nicht elitäre Orte, um Künstler des Landes mit neuen Arbeiten zu präsentieren.

In diesem Jahr bieten zwei Hallen der früheren Panzerreparaturwerkstatt Neubrandenburg die spektakuläre Kulisse für die 26. Kunstschau des Landes, die ab heute bis zum 11. September auf 1500 Quadratmetern Arbeiten von 39 Künstlern zeigt – Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Installationen und Objekte. Wobei das Motto „Art & Entertainment/ Kunst & Unterhaltung“ – klug gewählt ist. Bedient es doch viele Aspekte von Kunst, die auch unterhalten kann und sollte, eine künstlerische Haltung verlangt und zum Unterhalt beiträgt, dem geistigen der Betrachter und möglichst auch dem des Künstlers.

Schauen wir mal, was wir zu diesem hinreichend weiten Motto in den früheren Panzerhallen finden können, wo nach der Wende grüne NVA-Schützenpanzer für UN-Einsätze weiß gespritzt wurden.

Und Panzer finden wir noch immer in Neubrandenburg – Spielzeugpanzer.: Die Installation „Diktator-Disco“ von Sylvester Antony ist sicher das spektakulärste Werk der Ausstellung. Unter dem Licht einer Discokugel hat der Künstler aus Wrodow in einem ganzen, von Popmusik beschallten Raum Uniformen, Objekte, Bilder und Fotografien von Diktatoren – von Sadam über Hitler und Kim Jong Il bis zu Dieter Bohlen und Robert Geiss inszeniert. Wer diesen Raum mit mehr Fragen als Antworten verlassen sollte, ist dem Künstler im positiven Sinne auf den Leim gegangen. „Kunst“, so Antony, „sollte inspirieren, den Menschen durch Fragen helfen. Verstehen muss man sie gar nicht. Wer versteht schon seine eigene Frau oder sich selbst?“ Übrigens dürfen Besucher mit den ferngesteuerten Spielzeugpanzern tatsächlich fahren.

Womit wir bei einem markanten Punkt dieser Schau angelangt wären. Sie ist sehr interaktiv. Die riesige Holzschaukel von Sabine Egelhaaf ist etwa wirklich zum Schaukeln da. Was ungewöhnliche Perspektiven auf das Ausstellungsgeschehen, auf Besucher und Kunstwerke erlaubt. In der Installation von Maria Raeuber dürfen Besucher auf die Zeichnung eines SS-Mannes mit einer Spielzeugpistole schießen. Anne Hille hat drei Skulpturen geschaffen – „Mein Haus, Mein Hase, Mein Auto“ heißt die Arbeit; Besucher dürfen sie durch den Ausstellungsraum ziehen, irgendwo stehenlassen, bis der nächste sie wieder neu platziert. In dem Museumshop des nur noch auf Bildern und in Texten der Romantiker existierenden Schlosses Küsserow gibt es dennoch T-Shirts, Schneekugeln und andere Souvenirs mit dem Bild dieses romantischen Geisterschlosses zu kaufen. Ein Kommentar zum Umgang des Landes mit seinem überreichen Schlössererbe? Oder lediglich ein verrätselter Spaß? Wie vielleicht die riesigen Digitalcollagen, auf denen Klaus-Dieter Steinberg Porträts von Lucas Cranach d. J. und ein Gemälde von Hieronymus Bosch verfremdet hat?

Doch der interaktive Aspekt der Landeskunstschau sollte nicht nur auf Kunst zum Anfassen bezogen werden. Wie jedes Kunstwerk vollenden sich auch die von einer Jury aus 82 Vorschlägen ausgewählten Arbeiten erst in den Köpfen der Betrachter.

Eindrücklich etwa in dem 250 Zentimeter langen, sehr schmalen Ölgemälde „Die Botschafter“ des Güstrowers Lars Lehmann: Auf einem Fensterbrett stehen 17 bunte Rauchglasvasen, als wollten sie in die weite Landschaft blicken. Einst waren diese mundgeblasenen Gläser aus Lauscha begehrt, schmückten die Regale der Anbauschränke, wurden als Dank für Westpakete den Verwandten geschenkt. Heute geht von ihnen vor allem ein Hauch von Trödel und allenfalls sentimentalen Erin- nerns aus – rot-blau-gelbe Botschafter aus einer nahen Vergangenheit, die schon heute nicht mehr grau genannt werden darf. Oder das großformatige Gemälde „Gaukler“ des Neustrelitzers Joachim Lautenschläger: Es zeigt eine Parade maskierter Clowns und Musikanten und ist dennoch kein vordergründig komisches Bild, sondern eher ein Gleichnis auf eine Seelenlandschaft.

Auch Anja Brachmanns menschenleere Gemälde „Prag“ und „Nachts“ laden geradezu ein, sich eigene Geschichten für diese sonst von Menschen nur so wimmelnden Orte auszudenken.

Doch es geht auch konkreter, zeitbezogen. Etwa in Lucia Schoop Fotografien sich auflösender Zuckerwatte. Für die Künstlerin Sinnbilder der Fragilität von Flüchtlingsbooten. „Diese Boote sind aus Zuckerwatte, süß wie ihre Vorstellung (die der Flüchtlinge – d.A.) einer besseren Zukunft.“

Der Neubrandenburger Fotograf Bernd Lasdin setzt mit seinem Zyklus „Armut in Deutschland“ sein Langzeitprojekt von Porträts mit Selbstkommentaren fort. Wir erinnern uns, es geht im Titel der Ausstellung auch um Unterhalt. Die Hinterkopfporträts von Walter Hinghaus oder die Fotografien einsamer Winterlandschaften von Andre van Uehm wiederum schreien geradezu nach dem mitfabulierenden Betrachter.

Peter Funken, der Kurator dieser inspirierenden, nur vier Wochen geöffneten Ausstellung, zitiert im Katalog seinen ebenfalls international renommierten Kollegen Harald Szeemann, der behauptete, dass in der Kunstwelt die Zeit der Zentren vorbei sei, weil nur Landluft frei mache.

Diese 26. Kunstschau des Künstlerbundes Mecklenburg-Vorpommern ist der beste Beweis dafür.

Öffnungszeiten

„Art & Entertainment“ 26. Kunstschau 2016 des Künstlerbundes Mecklenburg-Vorpommern
13. August bis 11. September 2016
Mi - Fr 14 bis 18 Uhr
Sa - So 11 bis 18 Uhr

Ort: RWN-Art Galerie & Halle 7
Nemerower Str. 17
17033 Neubrandenburg
(im Gewerbegebiet RWN, nahe des Yachthafens am Tollensesee)

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