William Wolff : Landesrabbiner wechselt ins Ehrenamt

Ein Lächeln für jeden Gast: William Wolff, 1927 in Berlin geboren, britischer Staatsbürger, wurde in Mecklenburg-Vorpommern zum Brückenbauer zwischen den Religionen. Versöhnung, ohne jemals das Verbrechen des Holocaust zu vergessen, das ist das Anliegen, das der Rabbiner immer wieder hervorhebt.  Fotos: Büttner / Klawitter / Yasnev
Ein Lächeln für jeden Gast: William Wolff, 1927 in Berlin geboren, britischer Staatsbürger, wurde in Mecklenburg-Vorpommern zum Brückenbauer zwischen den Religionen. Versöhnung, ohne jemals das Verbrechen des Holocaust zu vergessen, das ist das Anliegen, das der Rabbiner immer wieder hervorhebt. Fotos: Büttner / Klawitter / Yasnev

William Wolff bleibt Mecklenburg-Vorpommern erhalten, auf Wunsch des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden wird sich der 88-Jährige aber mehr schonen

von
27. März 2015, 07:45 Uhr

Elf Uhr vormittags. William Wolff sitzt in seinem Büro am Schlachtermarkt. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher, Akten, Papier. „Einen Moment, bitte.“ Wolff sucht etwas, sortiert, wird fündig. „Wir geht es Ihnen?“, möchte er vom Besucher wissen. How are you? Danke. Und wie geht es ihm, dem Landesrabbiner. Gut fühle er sich, würde gern noch weitermachen, bis 90. Doch von April an werde er kürzer treten. „Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden will es so.“

„Unser Landesrabbiner ist 88 Jahre alt. Wir möchten, dass er sich ein bisschen schont“, sagt der Vorsitzende des Landesverbandes, Valeriy Bunimov. Wolff habe sich große Verdienste erworben, werde den Titel Landesrabbiner behalten und ehrenamtlich weiterarbeiten. Die regelmäßigen Aufgaben in den Gemeinden übernehme ein anderer Rabbiner, Yuriy Kadnykov, ein jüngerer Kollege mit einer halben Stelle, so Bunimov. Gleich Anfang April werde der Neue das jüdische Osterfest mit den Gläubigen feiern.

Seit 2002 ist William Wolff Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern – ein Neuanfang nach fast 70 Jahren. „Eine Herausforderung, aber ich habe sie gern angenommen“, sagt Wolff. Die Jüdischen Gemeinden im Land bestehen fast ausschließlich aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Beide Seiten hätten lernen müssen, erklärt Wolff. Die Gläubigen ihren Glauben, er die russische Sprache.

1927 wurde der Rabbiner in Berlin geboren, 1933 floh die Familie vor den Nazis zunächst in die Niederlande, dann nach England. Das Vereinigte Königreich wurde zu Wolffs zweiter Heimat, dort lernte er den Beruf eines Journalisten, dort ließ er sich mit Anfang 50 zum Rabbiner ausbilden, dort besitzt er bei London ein kleines Haus.

Ende der 60er-Jahre hatte Wolff als Begleiter des damaligen britischen Außenministers Michael Stewart zum ersten Mal nach dem Krieg wieder deutschen Boden betreten – „schon ein besonderes Gefühl“. Später war er gern gesehener Gast beim „Internationalen Frühschoppen“ im Ersten Deutschen Fernsehen.

In Mecklenburg-Vorpommern wurde der Rabbiner, Pendler zwischen den Welten, der noch heute Nachrufe für die „Times“ schreibt, zum Brückenbauer zwischen den Religionen. Für sein Engagement bekam er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ehrenbürgerwürde der Landeshauptstadt. „Mir war es immer wichtig, am öffentlichen Leben teilzunehmen, Stellung zu beziehen“, unterstreicht Wolff, der sich dem liberalen Rabbinertum verpflichtet fühlt. Aktuelle Tendenzen, die etwa mit der Abkürzung „Pegida“ verbunden sind, bereiten ihm keine Sorgen. „Diese Ideologien stammen aus einem anderen Zeitalter.“ Die Demokratie in Deutschland sei stabil, die Bundesrepublik eine offene und tolerante Gesellschaft.

Ja, und es gibt wieder jüdisches Leben in Mecklenburg-Vorpommern. An historischer Stätte, über den Fundamenten ihrer Vorgängerbauten aus den Jahren 1773 und 1819, entstand 2008 die neue Schweriner Synagoge am Schlachtermarkt. Bereits 2004 hatte die Hansestadt Rostock ihre neue Synagoge bekommen. Rund 800 Mitglieder zählt derzeit die Jüdische Gemeinde der Landeshauptstadt, zu der auch Wismar gehört, etwa 630 Mitglieder hat die Gemeinde in Rostock.

„Jeder Mensch hat eine Verantwortung für Frieden und Harmonie, jeder hat es selbst in der Hand, das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gesellschaft zu stärken“, hat Wolff bei der Einweihung der Schweriner Synagoge gesagt. Versöhnung, ohne jemals das Verbrechen des Holocaust zu vergessen, das ist das Anliegen, das der Rabbiner bei seinen öffentlichen Auftritten immer wieder hervorhebt.

Mindestens einmal im Monat werde er künftig aus England nach Deutschland kommen, Mecklenburg-Vorpommern die Treue halten, verspricht Wolff. Sechs Stunden brauche er mit Flugzeug und Eisenbahn via Hamburg von Tür zu Tür. „Ich habe mich immer wohlgefühlt in Mecklenburg-Vorpommern, bin sehr lieb behandelt worden.“ Natürlich werde er zum Beispiel am 9. November in Schwerin sein, wenn der Opfer der Pogromnacht von 1938 gedacht wird. Auch beim Interreligiösen Dialog in der Stadt wolle er weiter dabei sein.

Seine Wohnung und sein Büro wird Wolff behalten. „Darüber bin ich sehr froh“, betont der Rabbiner, der sich der Landeshauptstadt besonders verbunden fühlt. Bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Januar 2014 sagte er denn auch in Anspielung an die berühmteste aller Kennedy-Reden: „Ich bin ein Schweriner.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen