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Lebensmittel : Lässt die EU Amerikaner schrumpfen?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Neue Vorschriften zur Deklaration von Inhaltsstoffen führen in Backstuben des Landes zu Verwirrung.

svz.de von
erstellt am 30.Okt.2014 | 16:00 Uhr

Die Lebensmittelinformations-Verordnung der EU beschert den Bäckern im Land zusätzliche Arbeit. Ab 13. Dezember dieses Jahres gelten europaweit unter anderem neue Regelungen zur Herkunftskennzeichnung sowie zu Hinweispflichten bei Lebensmittelimitaten und koffeinhaltigen Produkten. Angaben zu Allergenen sollen auch bei nicht abgepackten Lebensmitteln Pflicht werden. Allerdings sind die EU-Vorschriften trotz der zum 13. Dezember auslaufenden Übergangsfrist noch nicht in deutsches Recht umgesetzt, was in den Backstuben für zusätzliche Verwirrung sorgt, wie Landesinnungsmeister Thomas Müller bestätigte.

Ein Resultat dieser Verwirrung: Eine Schweriner Bäckerei erklärte ihren Kunden auf Nachfrage, sie habe vorausschauend ihre Rezepturen umgestellt, um Lebensmittelunverträglichkeiten auszuschließen. Das habe dazu geführt, dass beispielsweise Amerikaner jetzt kleiner ausfielen – offenbar, weil das bislang verwendete Backtriebmittel Hirschhornsalz, das als möglicher Allergieauslöser gilt, ersetzt wurde.

Tatsächlich, so meint Landesinnungsmeister Müller, seien solche Rezeptumstellungen aber gar nicht nötig. Es gehe lediglich um eine bessere Information zum Beispiel über Allergene, die dem Kunden die Möglichkeit geben soll, sich bewusst für oder gegen ein bestimmtes Gebäck zu entscheiden. Der Schweriner Betrieb gehöre nicht der Innung an – womöglich, um den Mitgliedsbeitrag zu sparen. Der aber mache sich bezahlt, denn Landesinnungsverband des der Bäcker- und Konditorenhandwerks versuche, Mitgliedsbetriebe mit Rat und Tat bei der Umsetzung der EU-Richtlinien zu unterstützen.

Vor den Handwerkersbetrieben steht Müller zufolge „eine horrende Aufgabe“. Für jedes Produkt müssten sie jetzt gesondert alle Inhaltsstoffe deklarieren. Da jeder nach „seinen“ Rezepten backen würde, müsse jeder die Listen auch individuell erstellen. „80 Prozent unserer 102 Innungsmitglieder sind Kleinbetriebe. Anders als in der Großbäckerei, wo der Chef seine Sekretärin damit beauftragen kann, die entsprechenden Listen zusammenzustellen, macht das bei uns meist der Meister selbst – in der Zeit, in der er eigentlich auch mal schlafen müsste…“, so Innungsmeister Müller.

Hilfreich sei, dass die Zuliefererfirmen auf ihren Internetseiten entsprechende Informationen zur Verfügung stellen würden – auch schon zu den enthaltenen Nährstoffen, die in Deutschland allerdings erst ab 2016 verpflichtend deklariert werden müssten.

Allerdings: Informationspflichten hätten Bäcker auch heute schon. „Nur haben in die entsprechenden Ordner in den letzten sechs Jahren in meinen vier Filialen gerade mal drei Leute reingeguckt“, weiß der Bäckermeister aus Ribnitz-Damgarten. Seine Hoffnung ist, dass Berufsverbände und Innungen in Deutschland ihren Einfluss auf den Gesetzgeber soweit geltend machen können, dass zumindest bei loser Ware die Deklarationspflichten in Grenzen gehalten werden. „Ansonsten sieht man vor lauter Schildern ja den Kuchen in der Auslage nicht mehr“, fürchtet Müller.

Aus seiner Sicht ist es viel wichtiger, dass das Personal informiert ist und Kunden tatsächlich kompetent beraten kann. Dass Kunden kritisch seien, sei ihr gutes Recht – auch wenn die Lebensmittelskandale der letzten Jahre nie Bäcker betroffen hätten, betont Müller. „Aber wenn Kunden sehen, dass da palettenweise Backmischungen in die Backstuben gefahren werden, sind sie natürlich zu Recht misstrauisch.“

Gerade hier sieht Müller aber auch Chancen, verlorene Kunden zurückzugewinnen. „Zeigt was ihr gelernt habt, backt wieder selbst“, appelliert er an seine Handwerkskollegen.

 

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