zur Navigation springen

STREITBAR: Deutschland wird zum Seniorenstaat : Lähmung durch die Alten

vom

Deutschland ist auf dem Weg, zu einer gigantischen Seniorenaufbewahrungsanstalt zu werden. Die Verchemnitzisierung schreitet unaufhaltsam voran. In zwanzig Jahren wird Chemnitz die älteste Stadt Europas sein.

svz.de von
erstellt am 01.Nov.2013 | 05:39 Uhr

ROSTOCK | Deutschland vergreist. Dieses Land ist auf dem Weg, zu einer gigantischen Seniorenaufbewahrungsanstalt zu werden. Die Verchemnitzisierung schreitet unaufhaltsam voran. In zwanzig Jahren, so fanden die Rechenkünstler von "Eurostat" heraus, wird Chemnitz, das als es noch jung war, nach Karl Marx benannt war, die älteste Stadt Europas sein. Mehr als ein Drittel der Einwohner wird dann über 65 sein. Das ist der einzige Grund, sich die Stadt mal anzusehen, da das ganze Land ihr folgen wird. Je nachdem, welches statistische Szenario greift, wird ab 2050 fast die Hälfte der Insassen Deutschlands älter als 60 sein. Das Problem ist bekannt, die Rechnungen sind nicht neu, die Entwicklung ist kaum zu stoppen, da es glücklicherweise out ist, Mutterkreuze zu vergeben und an die Wichtigkeit des Erhalts des Volkskörpers zu appelieren.

Es ist sowieso unerheblich, dass die Deutschen weniger werden. Erheblich ist, was das für unseren Alltag bedeuten wird. Einen Vorgeschmack darauf lieferte der Krieg um "Stuttgart 21". Dieser Protest-Aufmarsch der "Wutbürger" hatte ein anderes Antlitz als die sonst bekannten Proteste. Es versammelte sich das gesellschaftliche Establishment, um gegen den Bau eines architektonisch und logistisch gewagten Bahnhofs zu protestieren. Es war im Kern eine Dauerdemonstration von pelzgewandeten Killesberg-Damen, Studienräten, Absolventen und Angehörigen des gehobenen Dienstes und von wohlsituierten Bürgern, denen dieses Ritual eine willkommene Abwechslung im routinierten Prä- und Post-Pensions-Leben war.

Ihre Wortführer hielten keine Molotow-Cocktails in der Hand, sie suchten nicht die gewalttätige Auseinandersetzung mit dem Staat, sondern wurden ab und an sogar ihr Opfer, wie der ältere Herr, dem ein Wasserwerfer ein Auge irreversibel zerstörte und der bald seinen 70. Geburtstag feiern wird. Er und seine Altersgenossen haben den Kampf verloren. Denn der Bahnhof wird gebaut. Es dürfte zugleich aber eine der letzten Niederlagen einer Generation gewesen sein, die der Zukunft gleichgültig bis ablehnend gegenüber steht - nicht weil sie boshaft und missgünsig ist, sondern weil sie nichts mehr von ihr will, außer in Ruhe gelassen zu werden, um den Lebensabend zu genießen; weil sie ist, wie wir alle (sein werden). Und weil sie im Verhältnis zum Rest des Landes immer größer wird.

In Zukunft wird über die Zukunft anders entschieden werden - sie wird vermutlich einfach verhindert. Wenn mehr als ein Drittel der Gesellschaft die wohlverdienten Früchte seines Erwerbslebens ernten will, werden wir uns nicht mehr nur um ein paar Infrastruktuprojekte streiten. Es wird dann um die Frage gehen, ob wir Geld für die Bildung der wenigen jungen Menschen ausgeben, oder dafür sorgen, dass die vielen Alten bestens umsorgt sind. Mehr Komfort in der Seniorenresidenz "Waldesruh" statt einer adäquaten Ausstattung des Kindergartens "Kauderwelsch" wird das heißen. Die Parlamente, die darüber zu entscheiden haben, werden von einer überalterten Gesellschaft gewählt werden.

Was das auf breiter Front bedeutet, kann man an einer Hand abzählen: Projekte, die Zumutungen im Jetzt und einen wesentlich späteren Nutzen haben werden, dürften kaum noch öffentlich beschlossen werden. "Stuttgart 21" steht exakt dafür: Ein so gewaltiger Stadtumbau, wie er jetzt in der baden-württembergischen Landeshauptstadt stattfindet, kann, wie es die einen tun, als technologisch-architektonischer Größenwahn diffamiert werden. Man kann aber auch einen ganz anderen, wohlmeinenden Blick darauf haben und vom natürlichen Bedürfnis einer Generation sprechen, die gerade im Saft steht und die einen unpraktischen und das Stadtbild extrem verschandelnden Kopfbahnhof loswerden will und nicht die Zeit hat, Gegendemos zu organisieren. Wer einmal in Stuttgart ein- und aussteigen musste, weiß wovon ich rede. Der Bahnhof ist wirklich schrecklich.

Und klar ist natürlich, dass die Jungen sich auf ein schönes Ergebnis freuen können, während die Älteren befürchten müssen, zu Lebzeiten nur noch Lärm, Dreck, Zugausfälle und eine unbrauchbare Innenstadt zu haben. Wie gesagt: Ich kann die Krawallsenioren gut verstehen. Und ich bin mir sicher, dass dieses Land um einige Architekturspektakel ärmer wäre, wenn über sie in der Beschlussphase von einem sehr alten Publikum entschieden worden wäre.

Den sozialen Unfrieden will ich nicht an die Wand malen, da ich Kassandra-Rufe unsexy finde. Aber es ist mir auch durchaus ein Rätsel, wie eine Gesellschaft, in der eine kleine Gruppe von Erwerbstätigen damit beschäftigt sein wird, gegenüber einer größeren Gruppe von Rentenempfängern ihre Verpflichtungen aus dem Generationenvertrag zu erfüllen, leidlich harmonisch bleiben will. Irgendwer eine Idee?

Da diese Kolumne "Streitbar" heißt, sagte ich der Redaktion bei der Themenabsprache, dass ich fordern möchte, das Wahlrecht mit dem Renteneintritt erlöschen zu lassen - schließlich kann man mit zugespitzten Ideen provozieren. Der Hobbyjurist in mir weiß freilich, dass das nicht gehen wird und der Humanist in mir will das auch gar nicht. Aber es erscheint erstmal, wie ein vernünftiger Ausweg.

Ja, wirklich. Oder finden Sie, dass es gerecht ist, dass ein Grundschüler, der die Zumutungen der oftmals schlecht ausgestatteten Schulen am eigenen Leib spürt, keine Möglichkeit hat, dagegen wirksam vorzugehen, also zu wählen? Die Älteren dürfen parallel zu dessen Leid schließlich auch bei Parteien ihr Kreuz machen, die ihnen versprechen, eine Mindestzahl von Pflegern in Heimen vorzuschreiben oder gleich ganz plump mehr Geld ins System zu pumpen. Jaja, sagen Sie nun: Der Grundschüler sei sich ja gar nicht bewusst, dass seine Beschulung eher suboptimal ist und würde im Zweifel das Gegenteil von dem wählen, was ihm wirklich helfen würde. Ja, das kann sein. Das ändert aber nichts daran, dass junge Leute bis zum Studium keine Möglichkeit haben, die Politik zu bestimmen, die ihren wesentlichen Lebensbereich betrifft. Alte können das - sogar zu Lasten der Jungen.

Eine andere Variante wäre, Entscheidungen, die nicht die Verwaltung der Gegenwart, sondern die Gestaltung der Zukunft betreffen, nur denen zu überlassen, die diese Zukunft höchstwahrscheinlich auch miterleben werden. Wer weiß: Vielleicht ließe sich auf dieser Basis eine Einwanderungspolitik betreiben, die den Fortbestand des Landes sichert - herbeigewählt von den Jungen, die sowieso schon als Weltbürger aufwachsen und keinen Grund sehen, das Land zu verrammeln und Migranten Steine in den Weg zu legen. Jaja, das ist nur so in die Tüte gedacht... aber...

...aber vielleicht sollten wir langsam mal über das Thema reden. Der demographische Wandel spielt in der politischen Auseinandersetzung eine absurd kleine Rolle. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass die Sicht auf dieses Thema nicht so sehr von politischen Strömungen abhängt, sondern davon, wie alt der Betrachter ist. Vielleicht müssten im Bundestag nicht nur Fachausschüsse, sondern auch Generationenausschüsse eingerichtet werden... was natürlich auch wieder nur in die Tüte gedacht ist.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen