Mecklenburgisches Staatstheater : Lachen am Rande des Abgrunds

Nur ein Bart ist echt: Andreas Anke (Gruppenführer Erhardt) und Martin Brauer (Josef Tura, v.l.)
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Nur ein Bart ist echt: Andreas Anke (Gruppenführer Erhardt) und Martin Brauer (Josef Tura, v.l.)

Triumphale Premiere des Schweriner Schauspiels mit der Komödie „Sein oder Nichtsein“ nach dem Film von Ernst Lubitsch

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15. April 2018, 20:45 Uhr

Im Theater gewesen. Geweint. Und gelacht. Und beides zugleich. Wir klauen hier unverfroren bei Kafka, um von einer Inszenierung zu berichten, die nach ihrer Premiere am Freitagabend von einem einhellig begeisterten Publikum minutenlang gefeiert wurde. Zu Recht!

Das leicht verfremdete Eingangswort, mit dem der Meister aus Prag eigentlich einen Kinoabend beschrieb, hat im doppelten Sinne seine Berechtigung. Denn was wir dort auf der Großen Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters gesehen haben – die Komödie „Sein oder Nichtsein“ –, geht auf den Filmklassiker gleichen Titels von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942 zurück. Und bedient sich vor allem zum Ende hin raffiniert auch des Mediums Film.

Wie überhaupt das Doppelbödige, Seiltänzerische, Gespiegelte und grandios Tragikomische genau das Wesen dieser Inszenierung von Steffi Kühnert ausmacht, die nach Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ im E-Werk nun ihre zweite Regiearbeit in Schwerin präsentiert. (Und hoffentlich noch viele weitere.)

Wir wollen gar nicht erst versuchen, die Handlung in all ihren unwahrscheinlichen Verästelungen und hanebüchenen Verkleidungen wiederzugeben. Nur so viel: Eine Warschauer Theatertruppe macht sich in einem Stück mit dem Titel „Gestapo“ über die Nazis lustig, bis es verboten wird und die Schauspieler wieder den „Hamlet“ auf den Spielplan setzen. Dann marschieren die Deutschen tatsächlich in Polen ein, das Theater wird geschlossen, das Stück „Gestapo“ spielt auf Warschaus Straßen, und es geht tatsächlich um Sein oder Nichtsein, weil ein polnischer Verräter droht, eine Liste mit den Namen von Widerstandskämpfern an die Gestapo zu verraten. In dieser Situation erinnern sich die Theaterleute an ihre Gestapo-Uniformen aus dem Fundus.

Vielleicht sollten wir noch erwähnen, dass die Schauspieler dieser polnischen Truppe von Thalia eher stiefmütterlich behandelt wurden und sich maßlos überschätzen. So dass wir nicht nur einem Spiel um Leben und Tod beiwohnen, sondern auch Schmierenkomödianten bei ihren Eitelkeiten und Eifersüchteleien und ihrem Traum von der einen großen Rolle erleben.

Man muss gar nicht vordergründig an all die unfassbar schlechten Politschauspieler unserer Tage denken, um seinen Spaß zu haben an solcherart Theater im Theater. Was diese ungemein pointierte Inszenierung so groß macht, ist die scheinbare Mühelosigkeit, mit der das Ensemble auf dem schmalen Grat von Nonsens, Spannung, Ironie und hintergründigem Witz wandelt.

Etwa wenn Martin Brauer seinen Schauspielstar Josef Tura in all seiner eitlen Beschränktheit und in augenzwinkernder Komplizenschaft mit dem Publikum zu einer Figur formt, die lächerlich und anrührend und komisch zugleich ist. Oder wenn Jochen Fahr den überehrgeizigen Schauspieler Grünberg als ein Sinnbild für den ewigen Zauber des Theaters zeichnet. Oder wenn Andreas Anke als Gestapo-Gruppenführer Erhardt als scheinbar allmächtiger und zugleich feiger Vertreter des banal Bösen in eine Falle nach der anderen tappt.

Neben den vor und im Theater spielenden Filmszenen (Sebastian Hattop) hat auch Ausstatter Joachim Hamster Damm weder Prospekte noch Maschinen und Bühnen geschont und sowohl den Eisernen als auch den historischen Schmuckvorhang sinnfällig in die Inszenierung integriert.

Nur konsequent, dass dann zum tobenden Schlussapplaus die Namen der Schauspieler wie in einem Kinoabspann eingeblendet werden.

Ins Theater gehen! Und lachen! Und weinen!

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