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Mecklenburg-Vorpommern

24. Oktober 2017 | 04:30 Uhr

Laage gibt sich eine glatte Eins

vom

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erstellt am 04.Dez.2012 | 10:00 Uhr

Laage | Warum sollte ein Kind aus einem kleinen Dorf jahrelang 40, 50 Kilometer über Land fahren müssen, um zum Gymnasium zu kommen? Ulf Preuss-Lausitz, Pädagogik-Professor von der Freien Universität Berlin, schaut auf Flächenländer wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, wenn der von einer "Schule für alle" spricht. Der Bildungsforscher gehört zu denen, die das gegliederte deutsche Schulsystem liebend gern auf den Müllhaufen der Geschichte verfrachten möchten. Es sei unzeitgemäß, urteilt er und zitiert den Philosophen und Pädagogen Heinrich Weinstock (1889-1960), der Schüler nach Begabung und den Bedürfnissen der Wirtschaft sortieren wollte. "Dreierlei Menschen braucht die Maschine, den, der sie bedient und im Gang hält; den, der sie repariert und verbessert; schließlich den, der sie erfindet und konstruiert."

Solches Denken, so Ulf Preuss-Lausitz, habe Deutschland im Europavergleich auf einen Sonderweg geführt, den Weg der Separation in Schularten zwischen Hauptschule und Gymnasium. Dieses System sei bis heute mitverantwortlich für die mäßigen Ergebnisse deutscher Schülerinnen und Schüler in internationalen Rankings. Sein Vorschlag: "Die Schule für alle ist das Gebot der Zukunft." Umso mehr, da die Bildungsministerien in allen 16 Bundesländern gehalten sind, die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in ihren Schulen umzusetzen.

Einem solchen "Gesamtschul-Advokaten" stellen sich Wissenschaftler wie Prof. Dr. Kurt Heller von der Ludwig-Maximilians-Universität München entgegen. Er führt die Erfolge des bayerischen Bildungswesens ins Feld. Im Freistaat wird konsequent selektiert. Wer vom Lehrer keine "Gymnasial-Empfehlung" bekommt, muss auf Haupt-, Real- oder Mittelschule. Das vielbeschworene gemeinsame Lernen diene zwar dem sozialen Miteinander, nicht aber der Bildungsqualität, argumentiert Kurt Heller.

Die Fronten zwischen den Bewahrern und den Widersachern der Heiligen Kuh "Gegliedertes Schulsystem" sind verhärtet. Sie beharken sich in Wissenschaftszirkeln und Publikationen oder öffentlich - wie zuletzt beim 2. Inklu sionkongress des Schweriner Bildungsministeriums in Rostock.

Runde 20 Kilometer entfernt hat eine Kleinstadt die theoretische Frage nach der Schule der Zukunft praktisch beantwortet - Laage im Norden der Mecklenburgischen Schweiz, gut 3000 Einwohner in der Stadt, gut 2000 in den Ortsteilen drumherum. Drei Polytechnische Oberschulen (von Klasse 1 bis 10) gab es am Ende der DDR-Zeit, in der ein Militärflugplatz viele Familien in die Gegend gezogen hatte. Heute hat Laage viel weniger Einwohner, den einzigen ernstzunehmenden Zivilflugplatz des Landes und einen Campus, wo Mädchen und Jungen von der 1. bis zur 12. Klasse zur Schule gehen.

Der Weg dorthin begann mit der Wende und dem Auftrag, Schule nach bundesdeutschem Vorbild und den Paragrafen des Landesrechts umzubauen.

In Laage entstanden eine Grund- und eine Realschule. Auf einem Dorf in der Nachbarschaft wurde eine Grund- und Hauptschule eingerichtet, auf einem anderen eine Grund- und eine verbundene Haupt- und Realschule. Zudem wünschte sich die Kleinstadt ein eigenes Gymnasium. Potenzielle Schülerinnen und Schüler gab es genug. Ulf Rädke wechselte vom John-Brinckmann-Gymnasium Güstrow als Schulleiter nach Laage an das Recknitz-Gymnasium. Kurz nach der Jahrtausendwende brachen die Schülerzahlen ein. Sie reichten nicht mehr für mehrere Haupt- und Realschulen, die Landschulen zogen nach und nach in die Stadt. Dem Gymnasium verpasste sein Träger, der damalige Landkreis Güstrow, den Vermerk "auslaufend". Ulf Rädke denkt zurück: "Wir wollen die gymnasiale Bildung auf dem Land erhalten", sagt er.

Im Schuljahr 2004/2005 wurde eine Kooperative Gesamtschule gegründet, die Stadt Lage übernahm die Trägerschaft. Ein knapper Satz, der sich aus heutiger Sicht als einziger und logischer Weg darstellt. "Doch der war mit Schmerzen und Kämpfen und Zweifeln verbunden", sagt Ulf Rädke. Eltern- und Schüler-Protest vorm Schulhaus. Tiefe Gräben zwischen Haupt- und Realschul- und Gymnasiallehrer. Vorbehalte gegen ein Gesamtschul-Abitur. "Wird hier dasselbe Abitur gemacht wie an einem richtigen Gymnasium", lautet eine der häufigsten Fragen. Brit Kaleun, Schulleiterin des Recknitz-Campus’, denkt mit Schrecken daran zurück, wie oft sie das Zentralabitur erläutert hat. Eine schwere Geburt. Im Jahrgang 2011 gab es in Laage zwölf Abiturienten.

In diesem Jahr hat ihr Lehrerkollegium auf die neuen Schüleranmeldungen angestoßen. "Mittlerweile brauchen wir Regelungen, den Zustrom zu begrenzen", sagt Brit Kaleun. 850 Kinder und Jugendliche von Klasse 1 bis 12 werden im Schuljahr 2013/14 auf dem Recknitz-Campus lernen. Seit 2010 arbeitet die Grundschule in einem Neubau. Schon vor dem Wechsel in Klasse 5 kommen Lehrer der Oberstufe zu den Kleinen. Im Sinne eines sanften Übergangs, der sich in der 7. wiederholt, wenn es nach der Orientierungsstufe in Regionalschul- oder Gymnasialklassen weitergeht. In den beiden Häusern für die Großen lernen die Klassen jahrgangsweise Tür an Tür. Von den 65 Lehrerinnen und Lehrern sind bis auf einen alle vollständig in Laage beschäftigt, ein Trumpf für Schulorganisation und -klima.

"Wir leben das längere gemeinsame Lernen", sagt Brit Kaleun. "Schlau werden. Fit sein. Alle zusammen. Von Anfang an", lautet das Motto. Zwischen den Großen und den Kleinen bestehen Patenschaften, auf dem Sportplatz kicken alle gemeinsam, und der Wechsel von Regionalschul- in Gymnasialklassen kommt häufiger vor als der umgekehrte Weg.

"Wir haben alles richtig gemacht", sagt Laages Bürgermeisterin Ilka Lochner-Borst (CDU) über den Recknitz-Campus. "Von der 1. bis zur 12. Klasse alles an einem Ort - das ist unser Aushängeschild."

Eine Christdemokratin als Verfechterin der Gesamtschule, die in Deutschland politisch betrachtet eher als Favorit der Sozialdemokratie gilt? "Alles was hier passiert, ist das, was die CDU in Privatschulen gut findet."

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