Familienschicksal : Kychenthals Rückkehr

hans kychenthal 1939
1 von 2

Das Schicksal des legendären Kaufmanns ist symbolisch für die Ausrottung jüdischen Lebens im Nordosten.

Es ist nur ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand und doch ruft er so viele Erinnerungen wach. Erinnerungen an eine verlorene Kindheit. Erinnerungen an eine Familie, die einst viel größer war. Erinnerungen an ein Zuhause, das er nicht freiwillig verlassen hat. Es war wohl einer der Momente, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen, der Hans Kychenthal am tiefsten bewegte, als er nach 75 Jahren in seine Heimatstadt Schwerin zurückkam und Claudia Fuchs ihm den alten, schlichten Holzbügel mit dem Aufdruck „Kychenthal“ überreichte. In jenem Haus Am Markt 4, wo sie ihre Kaffeerösterei betreibt, hat Louis Kychenthal mit seinen Söhnen Ludwig und Willy bis 1939 ein renommiertes Kaufhaus geführt. Dann resignierten sie ob der Schikanen der Nazis gegen die Juden und wanderten gerade noch rechtzeitig nach Chile aus. Ludwigs Sohn Hans war knapp vier Jahre alt. Nur Großvater Louis blieb in Schwerin zurück. 1942 wurde er ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er 1943 starb.

Matthias Baerens und Thilo Tautz haben für den NDR „Kychenthals Rückkehr“ mit der Kamera begleitet. Ihr Film wird am Sonntag im NDR-Fernsehen zu sehen sein (11.30 Uhr). Das Schicksal der Familie Kychenthal ist ein Beispiel dafür, wie jüdische Geschäftsleute im Dritten Reich um ihr Eigentum gebracht wurden, und wie sich „unbescholtene“ Mecklenburger daran bereicherten.

Matthias Baerens schrieb in den 1990er Jahren eine Studienarbeit über die „Arisierung“. Dabei stieß er in den Akten des Schweriner Stadtarchivs auf die Kychenthals. Er nahm Kontakt zu den Nachfahren auf und wurde nach Chile eingeladen. Hans Kychenthal ließ den Schweriner Gast Unmengen an Unterlagen und Briefen auswerten, die er selbst bis dahin nie gelesen hatte. Die Kychenthals hatten für lange Zeit die Geschichte ihrer Vorfahren weitgehend auf sich beruhen lassen. Um sich selbst und die Kinder nicht zu belasten? „Die Vergangenheit nützt nichts“, habe sein Vater immer gesagt, berichtet Hans Kychenthal in dem NDR-Film. Inzwischen aber fragen seine Kinder und Enkel danach.

Großvater Louis Kychenthal wurde 1863 in Goldberg geboren. 1894 übernahm er ein Geschäft am Schweriner Markt. Er handelte mit Haushaltswaren, Stoffen und Kleidern. Die Geschäfte liefen gut, Kychenthals erwarb zwei Nachbargrundstücke und erweiterte sein Kaufhaus. Das „Kychenthal“ war eines der ersten Geschäfte, in denen man sich selbst bedienen durfte. In den 1920-er Jahren gehörte die Familie längst zur angesehenen Schweriner Gesellschaft. Das Theater-Abonnement war so selbstverständlich wie die Mitgliedschaft im Ruderverein.

Mit der Machtübernahme der Nazis änderte sich ihr Leben. Erst blieben Schweriner Kunden weg, weil die Nazis zum Boykott aufriefen. Doch die Landbevölkerung blieb dem Kaufhaus mit den zehn „arischen“ und einer jüdischen Angestellten treu, berichtet Matthias Baerens. Mit den Umsätzen ging es auf und ab, doch die Familie hatte noch ihr Auskommen. Längst drängten jedoch NSDAP und Kreis-Wirtschaftsleitung Kychenthal zum Verkauf. Als Käufer stand 1938 Bernhard Knop bereit, Kaufmann aus Neukloster, der das Geschäft für seinen Adoptivsohn Ulrich Knop-Zellien übernehmen wollte. Während Bernhard Knop bei Kychenthal einen Rest an Vertrauen genoss, war der Sohn auf Nazi-Linie. Die Schweriner Handelskammer, die Deutsche Arbeitsfront und der Oberbürgermeister halfen ihm, den Preis zu drücken.

Während der Pogrome am 9. November 1938 zerstörte der Schweriner Nazi-Mob das Kaufhaus und die darüber liegende Wohnung der Familie. Es war der letzte Tag, an dem Louis Kychenthal sein Geschäft aufschloss. Zusammen mit den Söhnen kam er vorübergehend in „Schutzhaft“. Dort unterschrieb der Senior aus Furcht vor weiterer Gewalt den Verkauf seines Geschäfts zu einem Schleuderpreis. Die vom Mob verursachten Schäden musste er auf eigene Rechnung reparieren. Mit der „Vermögensabgabe“, der „Fluchtsteuer“ und der „Auswandererabgabe“ plünderte das Nazi-Regime die jüdische Familie weiter aus. Als Ludwig Kychenthals Familie im November 1939 auf der „Conte Grande“ Valparaiso in Chile erreichte, war ihr wenig geblieben. Ein Großteil des Umzugsgutes blieb in Deutschland, wurde von der Gestapo beschlagnahmt und 1942 versteigert. Mit nach Südamerika gelangten jedoch viele Briefe und Geschäftsunterlagen, die fast unbeachtet in den alten Koffern lagerten.

Angeregt durch die Recherchen von Matthias Baerens tauchte Hans Kychenthal in die Vergangenheit seiner Familie ein. Als er dann 75 Jahre nach der Auswanderung am Dachfenster seiner Vorfahren am Schweriner Markt stand, blickte er mit stiller Zufriedenheit über die Stadt. Er kenne diese Sicht, glaubte er, „nicht dass ich sie erkannt habe, aber irgendwie kommt sie mir nicht fremd vor“. Zu DDR-Zeiten wurde das Haus von der KWV betreut. Ende der 1990-er Jahre bekamen die Kychenthals es zurück übertragen. Vorher mussten sie sich mit den Nachkommender Knops auseinandersetzen. Die wollten anfangs nicht glauben, dass ihre Familie das Haus nicht ganz so redlich erworben hatte, wie es ihnen offenbar erzählt worden war.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen