Kunst und Krebse

Wemag-Solistenpreisträgerin  2009 Alice Sara Ott begeisterte in der Festspielscheune. Monika Lawrenz
Wemag-Solistenpreisträgerin 2009 Alice Sara Ott begeisterte in der Festspielscheune. Monika Lawrenz

von
23. August 2010, 12:00 Uhr

Waren | Alljährlich gibt es ein Konzert der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, das in keinem Programmheft aufgeführt wird. Es ist Freunden und Förderern des Klassik-Festes vorbehalten und vereint in Festspielscheune und Schloss Ulrichshusen musikalischen Höchstgenuss mit kulinarischen Köstlichkeiten beim anschließenden Krebs essen. Eine illustre Gästeschar aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien konnten die Hausherren Alla und Helmuth von Maltzahn am Sonnabend dazu begrüßen: Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), sein Amtsvorgänger Harald Ringstorff, Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD), Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) und Innenminister Lorenz Caffier (CDU) waren ebenso gefragte Gesprächspartner wie die Direktorin des Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern, Elke Haferburg, oder Ex-Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben. Letzterer betonte, er käme viel lieber nach Ulrichshusen als zum Schleswig-Holstein-Musik Festival. Ein Lob, das Festspiel-Gründer und Intendant Dr. Matthias von Hülsen nicht ungern hörte. Schließlich sind beide Musikfeste unmittelbare Konkurrenten.

Wie groß der Zuspruch zu den Festspielen MV, immerhin das drittgrößte Klassikfestival Deutschlands, ist, belegen die aktuellen Besucherzahlen. "Wir werden das Vorjehresergebnis mit 55 000 Besucher n klar übertreffen und rechnen mit zehn Prozent Wachstum", so von Hülsen drei Wochen vor Abschluss der Festspiele. Allerdings stünden in diesem Jahr auch mehr Konzerte als 2009 auf dem Spielplan.

Ministerpräsident Erwin Sellering machte als Grund für die Beliebtheit der Festspiele unter anderem die Vielfalt der Spielstätten - es sind insgesamt 89 - aus. "Sie geben dem Publikum die Möglichkeit, die Musik immer wieder neu zu entdecken und immer neue, bislang verborgene Schönheiten kennenzulernen." Besonders würdigte er das Engagement der Festspiele, "Schlafende Schönheiten" als Spielstätten wiederzuerwecken.

Lob von Sellering gab es aber auch für einen Umstand, der für das Publikum kaum spürbar, für die Festspielmacher aber umso wichtiger ist: 90 Prozent des Klassikfestes werden aus privaten Mitteln finanziert. Weiteres privates Engagement ergänzt das Land zu durch eine Zustiftung von insgesamt einer Million Euro. Einen Teil davon, konkret 400 000 Euro, würden die Festspiele schon bald abrufen, kündigte Intendant von Hülsen an. Denn seit der Gründung der Festpiel-Stiftung im Mai sei ihr Grundkapital von 280 000 Euro durch weitere Zuwendungen in Höhe von 120 000 Euro aufgestockt worden - und für jeden gestifteten Euro gäbe das Land einen dazu.

Wemag-Solistenpreis an Alice Sara Ott

Genutzt werden soll das Geld von Hülsen zufolge zur Förderung des musikalischen Nachwuchses. Was dieser zu leisten im Stande ist, bewies die Pianistin Alice Sara Ott, die am Sonnabend mit dem WEMAG-Solistenpreis geehrt wurde. Für die Saison 2009 war die heute 22-Jährige Münchnerin durch Hélène Grimaud zu einem Festspielkonzert eingeladen worden, mit dem sie sich den Preis erspielte. Die Laudatio auf die junge Künstlerin stellte Caspar Baumgart, Mitglied des Wemag-Vorstandes, unter das Motto "Kunst braucht Vorbilder".

Zuvor hatte Alice Sara Ott in der Festspielscheune das berühmte b-Moll-Klavierkonzert von Tschaikowsky gespielt, begleitet vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Gilbert Varga. In der vergangenen Jahrhunderthälfte hat sich vor allem die Interpretationsauffassung russischer Pianisten wie Richter oder Gilels weltweit verbreitet. Die schlanke, deutsch-japanische Preisträgerin findet andere, eigene Ausdruckswege für den hochvirtuosen Solopart. Da nimmt sie ganze Passagen mit donnernden Oktavgängen ins Pedal und führt sie zu neuen, ungewohnten harmonischen Zusammenklängen. Dann wieder filtert sie überraschend einzelne Melodietöne aus dem Klangrausch heraus und stellt sie als Lichtpunkte in den Raum. Solcherart Gegensätze, in denen sie Kraft

und Sensibilität des Anschlags gleichermaßen ausleben kann, bindet sie aber insgesamt unter eine Dramaturgie, die auf den großen Zusammenhang des Werkes zielt. Für den großen Jubel nach ihrem Spiel bedankte sich Alice Sara Ott mit der Zugabe von Franz Liszts Etüde "La Campanella", in der sie ihre brillante Spieltechnik noch einmal aufblitzen lassen konnte.

Ob sie vielleicht die nächste Preisträgerin in Residence der Festspiele wird? Intendant von Hülsen, von der künftigen Gattin des Ministerpräsidenten, Britta Baum, dezent nach dem Instrument gefragt, das der oder die Presiträger/-in in Residence 2011spielt, erwies sich als ebensolcher Diplomat wieder MP: "Auf der Liste stehen mehrere Geigen, eine Flöte, eine Harfe… Aber die Entscheidung ist noch nicht gefallen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen