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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 03:06 Uhr

Neubrandenburg : Kunst oder Holzhaufen?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein übereifriger Mitarbeiter hat in Neubrandenburg eine Debatte über Kunst und Müll ausgelöst

Das Streitobjekt ist knapp 17 Meter lang und besteht aus Holzresten aus dem Bootsbau. „Die Kunstinstallation heißt ,Risiko‘ und stammt von Holger Stark“, erläutert die Leiterin der Kunstsammlung Neubrandenburg, Merete Cobarg. Seit knapp zwei Wochen muss sich Cobarg für das Kunstwerk rechtfertigen. Aus Brandschutzgründen sollte es sogar abgerissen werden.

„Ich halte die ganze Debatte für Unfug“, weist Künstler Stark die Forderung zurück. Es wäre schon das zweite Mal gewesen, dass eine seiner Arbeiten wieder abgebaut werden müsste. Das passierte schon einmal in Kühlungsborn. Dabei ist Stark kein besonders provokanter Vertreter der Kunst. Der gelernte Zimmermann will Räume sichtbar machen, indem er geometrische Formen durchbricht.

Doch der Reihe nach. Das „Risiko“ gehört zu einer zeitgenössischen Kunstschau, die eine Versicherungsgruppe als „Fünf Positionen der Gegenwart“ alle zwei Jahre organisiert. Fünf Künstler stellen aus, einer bekommt einen mit 10 000 Euro dotierten Kunstpreis. „Die Ausstellung wurde Ende Juni vom Neubrandenburger Oberbürgermeister Paul Krüger eröffnet“, erinnert sich Stark. Woran der Oberbürgermeister keinen Anstoß nahm, erregte drei Wochen später aber einen Mitarbeiter eines städtischen Unternehmens. Nach dessen Hinweis auf das hölzerne Gebilde ließ Vizebürgermeister Peter Modemann, der für Sicherheit zuständig ist, ein Gutachten der Feuerwehr erarbeiten. Fazit: Das „Risiko“ sei brandgefährlich und zu dicht am Haus. „Die haben das nach den Bauvorschriften für Umgang mit Müll beurteilt, das muss aber als ,temporäres Kunstwerk‘ gesehen werden“, sagt Stark. Den Standort an einer Glaswand zu den Ausstellungsräumen habe man ihm zugewiesen. „Wir haben das Kunstwerk vier Tage lang mit sieben Leuten aufgeschichtet.“

„Wir müssen die alte Bausubstanz und auch die Leute, die in dem Viertel wohnen, schützen“, argumentiert Modemann. Sollte etwas passieren, könne letztlich auch die Versicherung eine Zahlung mit Hinweis auf Fahrlässigkeit verweigern. Inzwischen ist laut Modemann klar: Die drei Versicherungen, die gefragt wurden, akzeptieren das Kunstwerk – aber unter Auflagen. So müssen die Mitarbeiter der Kunstsammlung Überstunden machen, um das „Risiko“ länger zu beaufsichtigen. „Außerdem gibt es eine engmaschige Bestreifung auch nachts“, sagt Modemann.Was das Ganze kostet, kann er noch nicht sagen.

Die Debatte, was wirklich Kunst ist, läuft aber weiter. „Wir haben fast nur Meinungen, die das ,Risiko‘ als Sperrmüllhaufen sehen und den Abbau empfehlen“, erklärt der Reporter des Neubrandenburger „Nordkurier“, Andreas Segeht.

Viele amüsierten sich aber auch über den Fall. Titel wie „Scheiterhaufen“ oder „Brettergebilde“ machen die Runde.Verständnis für beide Seiten findet Kerstin Borchardt vom Vorstand des Künstlerbundes Mecklenburg-Vorpommern. „Es gibt verschiedene Betrachtungsweisen: Rein vom Praktischen her haben die Feuerwehrleute sicher auch Recht.“ Die Natur der Kunst sei es aber, Regelwerke zu hinterfragen und gelegentlich auch mal zu überschreiten.

„Hier ergeben sich die spannenden Fragen: Was ist Abfall? Wann wird es wertvoll?“ Kunsthistoriker regen eine öffentliche Diskussion an, weil Kunst auch ein Seismograph für die Toleranz einer Gesellschaft sei. Installationskünstler Stark hat kein Verständnis für die Auflagen: „Das Ganze ist im Innenhof eines abgeschlossenen Gebäudes.“ Wenn einer ein Feuer legen wolle, könne das auch im Rathaus passieren.

Bis 7. September können Neugierige das „Risiko“ in Neubrandenburg anschauen. „Es würde zu Objekten passen, die derzeit auf einer wichtigen zeitgenössischen Kunstschau in St. Petersburg gezeigt werden“, sagt Cobarg.

Und was passiert nach dem 7. September? „Dann bauen wir das ab und danach ist es Sperrmüll in einem Container“, erklärt Stark.

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