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Gasfackeln verschönt : Kunst auf der Deponie Ihlenberg

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Mit Mohnblumen und Rapsblüten hat ein Graffiti-Künstler die alten Gasfackeln auf Europas größter Sondermüllhalde verschönt. Die umstrittene Deponie lädt erstmals seit eineinhalb Jahrzehnten zu einem Fest ein.

svz.de von
erstellt am 09.Sep.2013 | 06:36 Uhr

Selmsdorf | Mit Profi-Farben in zweihundert Nuancen hat der Mecklenburger Daniel Wrede fünf Tage lang auf Europas größter Sondermüllhalde in Selmsdorf bei Schönberg gewerkelt. Früher illegaler Sprüher, heute freier Graffiti-Künstler, bemalte der 28-jährige Autodidakt zwei alte stählerne Gasfackeln mit leuchtenden Mohnblumen und goldgelben Rapsblüten. "Diese siloähnlichen Ungetüme sind jetzt Eyecatcher", meint Deponie-Geschäftsführer Berend Krüger. Auch eine Tankstelle auf dem riesigen Abfallberg werde noch mit buntem Lack verschönt. Die Kunst auf der Deponie sei kein Selbstzweck, sie solle ein Blickfang für Mitarbeiter und Besucher sein, sagt Krüger.

Die umstrittene Deponie vor den Toren Lübecks, die zu DDR-Zeiten als Goldgrube mit westdeutschem Giftmüll harte Devisen erwirtschaftete, lädt Mitte September erstmals seit 1997 Besucher zu einem "Tag der offenen Tür" ein. "Eine Deponie für gefährliche Abfälle in dieser Dimension ist ein Nachbar, den man nicht a priori liebt", weiß der Chef der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG). Beim "Ihlenberg-Fest" gäbe es Shows und Busfahrten übers Gelände, sagt Krüger. "Wir wollen den Eindruck vermitteln, dass die moderne Abfallbehandlung den technischen Anforderungen entspricht und wir nichts zu verbergen haben."

In der Tat ist die landeseigene Deponie, die mit ihren höchsten Müllhalden 115 Meter erreicht und damit den namensgebenden Ihlenberg weit überragt, seit 2005 eine andere geworden. "Es wird kein unbehandelter Hausmüll mehr abgekippt, Möwenschwärme und umherfliegende Plastikfetzen gehören ebenso der Vergangenheit an wie die unbegrenzte Verschandelung der Landschaft", ist der Geschäftsführer überzeugt. Der von 1979 bis 2005 befüllte Altteil, der auf 60 Hektar rund 18 Millionen Kubikmeter oder 25 Millionen Tonnen Müll beherbergt, wird seit 2011 nun aufwendig versiegelt. "Eine Altlast von gigantischem Ausmaß, mit der wir leben müssen", sagt Krüger.

Nach modernsten technischen Standards erfolge nunmehr die Ablagerung auf einer neuen Müllhalde nebenan. "Mit der alten Deponie bis 2005 hat der Betrieb heute nichts mehr gemein", sagt Krüger. Mehr als 800 000 Tonnen meist hoch gefährliche Abfälle wurden im neuen "aktiven" Deponieteil bereits eingebaut. Allein 622 000 Tonnen wurden letztes Jahr endgelagert, gut zwei Drittel davon (426 000 Tonnen) waren hochgradig schadstoffbelastete Abfälle aus der Müllverbrennung, Bauschutt, Asbest und Bodenaushub. 95 Prozent der brisanten Fracht kamen aus Norddeutschland, das meiste aus MV, Schleswig-Holstein und Hamburg.

Ein Weiterbetrieb der Deponie Ihlenberg ist nach Ansicht des Schweriner Wirtschaftsministeriums notwendig, um die Nachsorge zu finanzieren. "Mit dem aktiven Teil verdienen wir das Geld für das Abdichten des Altteils und die Rekultivierung der gesamten Deponie", sagt Krüger. Bisher verfüge die Ihlenberg-Gesellschaft über 300 Millionen Euro Anlagen, davon gut 270 Millionen Euro Rekultivierungsrücklage als Schuldscheindarlehen beim Land. Und: Müllhalden seien gefragter denn je. "Es gibt noch immer viele gefährliche Abfälle, aber kaum geeignete Deponien."

Kein Problem mit dem Monster-Müllberg in seiner Gemeinde hat Selmsdorfs Bürgermeister Detlef Hitzigrat. "Wir leben sehr gut mit und von der Deponie", sagt er. Dank sprudelnder Gewerbesteuern in Millionenhöhe habe sich die Kommune in den letzten Jahren Sachen leisten können, von denen andere nur träumen. Die Schule wurde saniert, ein Kinderhort neu gebaut, Straßen und Wege in Schuss gehalten.

Beim "Ihlenberg-Fest" könnten sich die Anwohner nun mit eigenen Augen vom "verantwortungsvollen Umgang mit dem Unrat, den woanders niemand haben will", überzeugen, meint der Bürgermeister. "Eine Möglichkeit vielleicht, das negative Bild vom Ort und seiner Deponie einmal selbst zu überprüfen und für uns eine Chance, ein gutes Image zu bekommen."

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