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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 17:46 Uhr

Kunden mit Appetit auf Pferdewurst

vom

svz.de von
erstellt am 21.Feb.2013 | 09:43 Uhr

Grabow | Pferderoulade statt Schweinesteack oder Rinderbraten: Seit die Debatte um falsch deklarierte Fertiggerichte europäischer und deutscher Hersteller Kunden wieder auf Pferdefleisch aufmerksam gemacht hat, kann sich Mecklenburg-Vorpommerns letzter Verarbeiter von Pferdefleisch vor Kundenanfragen kaum retten. "So viel verkaufen wir sonst nie", meint Rüdiger Lauck, Chef der Landschlachterei Prislich im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Die Nachfrage steige stetig. Erst vergangene Woche habe er ein zusätzliches Pferd schlachten müssen. Aus allen Landesteilen kämen die Anfragen - und darüber hinaus. "Selbst aus dem Spreewald lassen sich Kunden Pferdewurst schicken", erklärt Lauck. "Uns kommt der Skandal um falsch deklarierte Fertiggerichte zugute", meint Firmenchefin Hannelore Lauck.

Wie Ende der 90er-Jahre, als mit Tiermehl gefütterte wahnsinnige Rinder in England den Fleischmarkt in Europa in eine der bislang größten Krise stürzte. Der Skandal habe damals die Verbraucher derart verunsichert, dass kaum noch jemand Rindfleisch kaufen wollte. Laucks Einstieg in die Pferdefleischverarbeitung: "Das lief erst zögerlich an. Inzwischen sind Wurst und Fleisch vom Pferd ein fester Bestandteil unseres Sortiments" - etwa ein Zehntel der Gesamtproduktion, mit steigender Tendenz. Gut 400 Pferdebockwürste jede Woche, dazu Schinken, Knacker, Mett- und Jagdwurst, aber auch Pferderouladen, -bouletten, -gulasch oder -braten: Der 52-Jährige ist nach eigenen Angaben der letzte Fleischermeister, der im Nordosten Pferde schlachtet, verarbeitet und in seinen zwei Geschäften und drei Verkaufswagen in Westmecklenburg und der Prignitz anbietet - ein bis zwei Pferde im Monat.

Dabei bringt Lauck der neueste Fleischskandal um nicht deklariertes Pferdefleisch in Fertiggerichten ebenso auf wie die Verbraucher. "Das ist nicht in Ordnung", kritisiert Lauck die unsauberen Methoden. "Pferdefleisch ist gutes Fleisch", meint der Fachmann, "feinfaserig, mager, etwa wie Rindfleisch." Nur: Der Verbraucher habe ein Recht darauf zu erfahren, aus welchen Bestandteilen die Nahrungsmittel gefertigt würden. Lauck: "Ich will wissen, was ich esse." Ob im Schweine-, Rind- oder Pferdefleischsortiment: In seiner Landschlachterei kann er es genau sagen. Von der Aufzucht bis zur Verarbeitung - eigene Tiere halte er auf seinem Hof, andere kaufe er von Bauern in der Region zu, "alles rund um den Kirchturm". Ohne Tierpass laufe gar nichts, erklärt der Fleischermeister.

Pferdefleisch gilt in vielen Ländern Europas als Delikatesse. Besonders in Frankreich, Italien und Island ist der Verzehr nichts Außergewöhnliches. In Deutschland kommt das Fleisch eher selten auf den Teller. Dabei seien in der Wurst nur etwa ein Drittel Pferdefleisch, erklärt Lauck. Gerade 57 Pferde sind im vergangenen Jahr in MV geschlachtet worden, bundesweit 11 499. Inzwischen würden sich zwar wieder mehr Kunden auf das alternative Fleischangebot besinnen - zu DDR-Zeiten hätten die Kunden dafür Schlange gestanden, erzählt Lauck. Auch sei Pferd preiswerter als Rind - "für viele ein Kaufargument", meint Lauck: "Es wird aber ein Nischenprodukt bleiben."

Ob Rind oder Pferd: Nein, das Schlachten sei nicht anders. Pferde seien zwar sensibler. Nur: "Es ist ein Job", meint Lauck. Er baue ja keine Beziehung zu den Tieren auf, wie die Pferdehalter, die ihre Tiere an den Schlachtbetrieb verkauften. Meist seien es Privatleute, junge, ältere, die die Pferdehaltung aus den verschiedensten Gründen aufgeben müssten. Manche halten bis zum Schluss zu ihrem Tier und wollen selbst bei der Schlachtung dabei sein. Lauck: "Da fließen dann aber viele Tränen."

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