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US-Geigerin Hilary Hahn zu Gast bei den Festspielen MV : Wundervolle Perfektion

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Nur wenige erreichbare Klassikstars waren noch nicht zu Gast bei den Festspielen MV. So gibt es doch immer mal wieder ein aufregendes Debüt. Am Sonntag stand Hilary Hahn auf der Bühne der Ulrichshusener Konzertscheune.

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erstellt am 27.Jun.2011 | 06:46 Uhr

Ulrichshusen | Nur wenige erreichbare Klassikstars waren noch nicht zu Gast bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. So gibt es doch immer mal wieder ein aufregendes Debüt, wenn ein Tourneeplan den Abstecher ins Mecklenburgische zulässt. Am Sonntagnachmittag stand Hilary Hahn auf der Bühne der ausverkauften Ulrichshusener Konzertscheune.

Die US-amerikanische Geigerin mit einer Wunderkind-Biografie ist mit Wolfgang Amadeus Mozarts A-Dur-Violinkonzert unterwegs. Überraschungen sind bei diesem allzu bekannten Werk und der hohen Professionalität der Solistin kaum zu erwarten. Die 33-Jährige zeigt sich als makellose Technikerin und gleichzeitig phrasiert sie völlig natürlich. Sie beachtet selbst noch die kleinsten Flexionen der Tongebung und ihr gelingt eine naive Haltung, als wäre sie die erste Interpretin Mozarts. Sie vermag mit ihrem kultivierten Klang, das Konzert "auszupacken" und auf einen Sockel zu heben.

Solche Bilder sind hier angebracht, denn das Ereignis lag bei diesem Konzert bevorzugt im Auge des Betrachters. Am Pult des deutschen Sinfonie-Orchesters Berlin stand Herbert Blomstedt, dem man mit seinen 84 Lebensjahren schon einen anderen Zugriff auf die Musik zubilligt als der jungen Solistin. Der Altersunterschied war im Zusammenspiel der beiden Musiker überhaupt kein Problem, erzeugte jedoch in der Musikwahrnehmung eine faszinierende Vielgesichtigkeit. Aus einer gewissen Distanz heraus erzeugte die Violinstimme im Vergleich zum Orchester die Vorstellung eines vitalen jungen Mädchens, das in einem ruhig dahin fließenden Strom badet. War der Zuhörer mal einen Moment lang mehr Zuschauer, dann sah er dort eine abgeklärte, dem Geschehen entrückte, ja ernst wirkende Geigerin und einen quirligen, verschmitzt lächelnden Dirigenten. Wobei diese Haltung schon auch in die Gestik der Interpretation hineinwirkte. So deutete Hilary Hahn das Menuett-Thema in seiner ganzen Differenziert aus und Blomstedt ließ den galanten Beginn des Finales hinhauchen wie den Schatten einer Musik.

Hilary Hahn ist wohl kaum das Etikett "hingebungsvoll" anzuheften, emotionale Forcierungen sind ihr fremd. In ihrer wundervollen Perfektion kann der Zuhörer keine Momente der Anstrengung entdecken. Das zeigte auch die vom Publikum erbetene Zugabe von Franz Schuberts "Erlkönig" in der kuriosen Fassung für Geige solo von Heinrich Wilhelm Ernst, einem der populärsten Geigenvirtuosen des 19. Jahrhunderts. Das Werk gilt als schwer bis unspielbar und fordert auch dem versiertesten Solisten alles ab. Der umwerfende Vortrag von Hilary Hahn aber hinterließ einen völlig entspannten Eindruck, als sei da nebenbei ein simples Übungsstück zur Aufführung gekommen.

Auch bei der den zweiten Teil des Konzertnachmittags ausfüllenden 1. Sinfonie Anton Bruckners in der Linzer Fassung handelt es sich um eine Premiere, denn sie wurde zum ersten Mal bei den Festspielen aufgeführt. Mit Blomstedt dirigierte ein ausgewiesener Bruckner-Spezialist das Werk, der weit weg von einer orthodoxen mystischen Deutung des Komponisten agiert. Der Grandseigneur der internationalen Dirigentenszene suchte erst vor wenigen Jahren die intensive Auseinandersetzung mit der frühen Sinfonik des "Wiener Meisters". Offenbar sieht er in Bruckner den großen Sinfonie-Architekten, der Klangschichten und Klangblöcke durch reiche Binnenstruktur zu monumentalen Gebilden fügt. Zu erleben war diese architektonische Bruckner-Sicht in streng stabilen Tempi und kunstvoll unauffällig organischen Übergängen, bei gewaltiger innerer Dynamik. Streicher und Bläser erreichten die geforderte Plastizität des Klangs, die den Gesamteindruck von scharfer Detailgenauigkeit und beeindruckender Monumentalität herstellte. Das Publikum bekam in jedem Teil des Konzertes Exzellentes geboten und wusste sich mit ganz ordentlichem Beifall zu bedanken.

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