Wozu ein mechanischer Mensch?

Ballettdirektor Sergej Gordienko (l.)  probt mit dem Tänzer Maxim Perju „Coppélia“. Silke Winkler
Ballettdirektor Sergej Gordienko (l.) probt mit dem Tänzer Maxim Perju „Coppélia“. Silke Winkler

„Tanz ist mein Leben“, sagt Schwerins neuer Ballettdirektor Sergej Gordienko und verspricht dem Publikum

„unterhaltsames Schmunzeln“. Wir haben ihn bei einer Probe zu „Coppélia“ besucht.

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17. September 2012, 06:58 Uhr

Schwerin | "No, no, no, die letzte Pirouette war nicht exakt, noch einmal." Der Tänzer mit zwei Schwertern wirbelt die nächste Tour im Saal und endet mit einer präzisen Drehung. "Voilà!", ruft der Chef an der Spiegelwand; lustig tanzen auch seine Vokabeln. Er demonstriert einer Tänzerin, wie die Achse des Körpers liegen muss, damit eine Drehung auf dem Knie am Boden Linie bekommt. Er peitscht kantige Bewegungen mit seiner Hand, die den Rhythmus aufs Bein schlägt. "Man muss bei den Figuren das Klappern ihrer Mechanik hören." So bei zwei fernöstlichen Puppen. Sergej Gordienko, Schwerins neuer Ballettdirektor, probiert die Werkstatt im zweiten Akt des Klassikers "Coppélia"

Es ist die Geschichte der verirrten Liebe eines jungen Mannes zu einem Menschen-Apparat. Mit der Musik von Léo Delibes ein romantischer Ballett-Schlager seit 1870. Wie choreographiert ihn Gordienko? Er nennt keine bestimmte Formensprache, sondern die Musik als Ausgangspunkt. "Ich suche passende Bewegung für die Musik, so dass man die Musik gleichsam auch sehen kann." In seiner Heimatstadt Kiew ausgebildet nach dem traditionellen System von Agrippina Waganowa, hat Gordienko später als Solist wie als Choreograph in Kroatien, Portugal und Deutschland die Stile der westlichen Welt hinzugewonnen.

Handlungsballette, wie "Coppélia", sind zurück aus der Verbannung durch die Jünger reiner Abstraktion, warum? Gordienko bändigt eine Haarsträhne und sieht den einfachen Grund: "Viele Zuschauer gehen ins Theater, um eine Geschichte zu sehen, mitzuerleben. Sie wollen bis zum Detail verstehen, worum es geht. Das Handlungsballett kann erzählen, so wie man eine Geschichte aus einem Buch liest, jeder mit seinen eigenen Vorstellungen dazu. Der Handlung gehört meine Vorliebe." Die ist aber nicht absolut: "Natürlich kann man auch allein schöne oder ungewöhnliche Bewegungen zu Bildern formen. Es gibt ebenso modernen Ausdruck zu einer Geschichte. Ich möchte, dass wir auf der Tanzbühne alle Möglichkeiten ausschöpfen."

Das überlieferte "Coppélia"-Libretto will Gordienko auf seine Weise komödiantisch beleben. Denn er sieht da einen überzeitlichen Bezug: "Der isolierte, etwas verrückte Wissenschaftler Coppélius will aus einer Puppe einen Menschen schaffen. Auch heute können Roboter tanzen und singen, und man arbeitet daran, aus ihnen intelligente Kreaturen zu machen." Der Choreograph aber lacht dazu: "Wozu willst du mechanisch einen Menschen machen, wir Menschen sind doch schon alle da." Bei dem Satz sprüht sein farbiger Akzent.

Außerhalb von internationalen und nationalen Tanzzentren sind Ballett-Compagnien von Sparzwängen bedroht, wie sieht der Weitgereiste ihre Zukunft? "Als ich vor 20 Jahren nach Deutschland kam, waren da viel mehr Ensembles, und sie waren größer. In der Kulturpolitik muss sich etwas ändern, um diesen Verlusten Einhalt zu gebieten. Mich beeindruckt, wie sich das Publikum hier für die Substanz seines Theaters einsetzt."

Gordienko, im Gespräch so intensiv wie bei der Probe, hat viele Ensembles kennengelernt, welchen Eindruck hat er vom Schweriner? Seine Antwort kommt ohne Zögern: "Es sind nicht Leute, die ihren Job machen, weil sie müssen, sie wollen, sie sind wirklich Künstler."

Was hat er sich für seine hiesige Direktion vorgenommen? Er will die Compagnie "Schritt für Schritt weiterbringen in ihrem Können und ihren Ruf auch überregional festigen." Man darf gespannt sein.

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