Lieder der Heimat : Wo de Ostseewellen trecken...

Müller-Grählerts geliebtes Zingst aus der Vogelperspektive
Müller-Grählerts geliebtes Zingst aus der Vogelperspektive

Die Heimatdichterin Martha Müller-Grählert, die im November vor 75 Jahren starb, fand in Zingst ihre Heimat

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07. November 2014, 11:57 Uhr

Über den Ursprung, die Poesie und die Verbreitung des „Ostseewellenliedes“ wurde in der Vergangenheit schon viel geschrieben. Es ist ein Zeugnis tiefer Heimatliebe zur Ostseeküste, wurde in vielfältiger Form abgewandelt und ging als Lied sprichwörtlich um die Welt. Den Ursprungstext schrieb Martha Müller-Grählert aus Vorpommern. Für die Ursprungsmelodie sorgte ein Thüringer, der Komponist Simon Krannig. Die Uraufführung dieser Gemeinschaftsproduktion indes fand in Zürich in der Schweiz statt.

Erstaunlicherweise wurden die Urheberrechte für die Dichterin erst kurz vor ihrem Tode per Gerichtsurteil erstritten. Sie konnte davon nicht mehr profitieren. Andere Trittbrettfahrer hatten den Hauptnutzen. Darüber starb Martha Müller-Grählert am 18. November 1939 in Armut und fast erblindet im Altersheim von Franzburg bei Stralsund. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Friedhof ihres Heimatortes Zingst, wo die Erinnerung an die Heimatdichterin bis heute in vielfältiger Form gepflegt wird. Das reicht von ihrem erhaltenen Grab über einen Martha-Müller-Grählert-Park im Zentrum des Ortes mit einer Erinnerung an das „Ostseewellenlied“ bis zum Zingster Heimatmuseum, das die herausragende Tochter in Ehren hält und ihr das „Zingster Heimatheft Nr. 2“ widmete.

Die Heimatdichterin wurde am 20. Dezember 1876 in Barth geboren. Im Taufbuch ist ihr Name mit Johanna Friederike Karoline Daatz angegeben. Als Mutter ist Caroline Henriette Christine Daatz überliefert. Sie war die Tochter des Barther Fuhrmanns Johann Heinrich Daatz. Als Vater des Kindes wurde inzwischen der Provisor einer Apotheke in Barth nachgewiesen. Das Kind war unehelich, litt in der Kindheit und Jugend stark an diesem damaligen Makel und wurde deswegen auch von der Umwelt gehänselt.

Die Kindheitsjahre erlebte das Mädchen im Hause der Großmutter mütterlicherseits, der sie später mit dem Gedicht „Großmutters Grab“ in Dankbarkeit für die liebevolle Umsorgung ein Denkmal setzte. Nach der Heirat der Mutter mit dem Zingster Müllermeister Karl Friedrich Mathias Grählert, der aus seiner ersten Ehe zwei Kinder mit in die Familie brachte, adoptierte dieser die uneheliche Tochter seiner Frau. Das Mädchen bekam den Vornamen Martha und kam in die Grählert-Mühle nach Zingst. Drei weitere Kinder wurden geboren. „Das Malörchen“ war in die Familie integriert, bekam Klavierunterricht, begeisterte sich schon früh für Literatur und erhielt zusätzlich zur Dorfschule wegen seiner offenkundigen Interessiertheit „pädagogische Privatstunden“. Dazu kam ein Seminarbesuch in Franzburg, der Martha die Tätigkeit als Hauslehrerin ermöglichte.

Parallel allerdings versuchte sich die junge Frau bald auch als Dichterin. Erste platt- und hochdeutsche Gedichte wurden ab 1891 im Barther Tageblatt abgedruckt. Das machte Mut und bewog die Grählert- Tochter gegen den Einspruch der Eltern nach Berlin zu ziehen, wo sie ab 1898 in der Redaktion des „Deutschen Familienblattes“ mitwirkte und die Enge des Elternhauses verließ. Mit Folgen. Zingst war für sie die nächsten Jahre tabu.

Doch Martha Grählert behauptete sich in der Reichshauptstadt, sammelte vielgestaltige Berlin-Erfahrungen, verfasste neben ihrer redaktionellen Tätigkeit Gedichte sowie Kurzgeschichten und schrieb, wohl getrieben von Heimweh, „Wo de Ostseewellen trecken an den Strand“. Erstmals erschien das Lied im Gedichtband „Schelmenstücke“. In dieser Zeit machte die Dichterin die Bekanntschaft von Dr. Max Müller, der Landwirtschaft und Tierzucht studiert hatte und zunächst als Privatdozent wirkte. Beide wurden ein Paar.

Mit Dr. Müller an der Seite war Martha in Zingst nun wieder willkommen. Als ihr Mann dann eine Professur an der japanischen Universität Sapporo erhielt, kam sie als „Frau Professor“ in den Fernen Osten, wo das Ehepaar bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges blieb. Dabei entwickelten sich zwischen den poetischen Neigungen der Frau und der exakten Wissenschafts-Orientierung des Mannes wachsende Spannungen. Ihren „pommerschen Eigensinn“ bedauerte sie in einem späteren Gedicht. Die Heimkehr des Ehepaares zur Zeit des Kriegsausbruchs war überaus turbulent. Nach dem Krieg kam es zur endgültigen Trennung des Ehepaares. Müller wirkte fortan in Chemnitz, wo er 1933 starb, und Martha Müller- Grählert kehrte endgültig nach Zingst zurück.

Sie wohnte zunächst in der Störtebekerstraße und dann in ihrem „Sünnenkringelhaus“ an der Birkmaase. In Zingst schrieb sie weitere Gedichte sowie Prosa, trat mit ihren Werken vor Publikum öffentlich auf und entpuppte sich dabei als richtiggehendes Unterhaltungstalent. Besondere Erfolge feierte sie mit „Mudder Möllersch Reise nach Berlin“, einer Verserzählung, die sie auch in Berlin zum Besten gab.

Doch dann kränkelte die Dichterin. Sie hielt sich nur mit Mühe finanziell über Wasser. Nach der Vertonung ihrer Ostseewellen-Dichtung durch Krannig machte der Komponist sie auf die vielen Verstöße gegen ihr Urheberrecht aufmerksam. Die Dichtung hatte ohne ihren Namen große Verbreitung gefunden, war vielfach abgewandelt worden und erschien mit Änderungen sogar als „Friesenlied“.

Der Prozess darum zog sich in die Länge. Inzwischen wechselte die Dichterin ins Altersheim nach Franzburg, wo sie vor 75 Jahren einsam und arm starb. Das Grabkreuz hat die treffliche und auf das „Ostseewellenlied“ verweisende Inschrift „Hier is mine Heimat hier bün ick to Hus“.

(Literatur: Zingster Heimatheft Nr. 2 herausgegeben vom Rat der Gemeinde Zingst. 1983 // Pommern. Zeitschrift für Kultur und Geschichte. Heft 4/2007)


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