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Klassische Musik : „Wir verlieren unsere Tradition“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stardirigent Kent Nagano über das Pisa-Diktat, „ökonomische Obsessionen“ und die Rendite eines Konzertbesuches.

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2014 | 12:00 Uhr

Kent Nagano gehört zu den profiliertesten Dirigenten der Welt. Überall füllt er die Konzertsäle – und dennoch sieht er das Interesse an klassischer Musik schwinden. In einem neuen Buch beschreibt der Amerikaner das Problem, im Interview mit Chris Melzer, dpa, erklärt er, wer schuld sei.

Sie schreiben, dass klassische Musik an Bedeutung verliert. Was macht Sie so pessimistisch?

Pessimistisch ist nicht ganz das richtige Wort. Vielmehr bin ich tief besorgt. Im Alltag und vor allem bei jungen Menschen hat die klassische Musik kaum noch Bedeutung. Die Selbstverständlichkeit ihrer Präsenz ist verloren gegangen. Diese großartige Kunst droht zu einer Liebhaberei einiger Schichten zu werden. Aber dafür ist sie nicht gedacht. Sie ist für jeden komponiert. Hausmusik – wo findet die noch statt?

Aber es finden doch jeden Tag in jeder größeren Stadt klassische Konzerte statt.

Der Anteil der Bevölkerung, der mehr als einmal im Jahr ein Konzert besucht, ist verschwindend. Das Publikum altert. In Amerika finden Konferenzen dazu statt, wie dem Phänomen begegnet werden kann. Orchester werden geschlossen oder fusioniert – im Musikwunderland Deutschland mit seiner (noch) großartigen Orchesterlandschaft findet das schleichend statt, in den USA geräuschvoller.

Vielleicht wächst ja die nächste Generation von Klassikliebhabern gerade heran.

Noch viel bedrückender ist für mich, dass die klassische Musik in der Schule immer weiter zurückgedrängt wird. Alle anderen Fächer scheinen mehr Bedeutung zu haben. Diese Entwicklung hat in den USA ihren Anfang genommen. Inzwischen gilt dies gleichermaßen diesseits und jenseits des Atlantiks. Wenn vor allem junge Menschen weder durch ihr Elternhaus noch in der Schule die Möglichkeit bekommen, Zugang zur klassischen Musik zu finden, dann werden sie diese auch nicht vermissen. Sie wissen gar nicht, dass es sie gibt. Ist es fair, wenn wir ihnen diese Möglichkeit großartiger, vielleicht sogar existenzieller Erfahrungen vorenthalten?

Wenn die Jugend Beethoven und Mahler nicht mehr hören will, ist das dann nicht einfach der Lauf der Dinge? Muss sich nicht auch die Klassik einem Wettbewerb unterwerfen?

Kulturelle Gewohnheiten und Vorlieben verändern sich. Natürlich. Doch die Bedrohung der klassischen Musik ist das Ergebnis eines gravierenden Wertewandels. Wir leben im Zeitalter ökonomischer Obsession. Alles unterliegt dem Kosten-Nutzen-Kalkül, dem Abwägen von Einsatz und Ertrag. Aber die Rendite eines Konzertbesuchs lässt sich genauso wenig berechnen, wie wenn Kinder ein Instrument lernen – auch wenn wir alle wissen, wie wichtig die Künste für die Menschen sind.

War das nicht immer so, dass Kunst sich auch einem Markt unterwerfen muss? Auch die Künstler müssen bezahlt werden.

Ich will ein Beispiel für den Wertewandel bringen, das die jungen Menschen so stark betrifft. Das ist das nahezu weltweite Pisa-Diktat in der Bildungspolitik. Das Bildungssystem eines Landes gilt dann als vorbildlich, wenn das Land bei Pisa gut abschneidet. Aber weder Sprachen noch die Künste spielen hier eine Rolle: Philosophie, Literatur, Malerei, die klassische Musik – nach Pisa für ein leistungsstarkes Bildungssystem alles unbedeutend. Was für ein bornierter Bildungsbegriff liegt dem zugrunde? In den Schulen drängt dieses neue Bildungsverständnis die Künste und mit ihnen die klassische Musik dramatisch zurück. Das macht mir große Sorgen.

Was können wir verlieren, wenn wir uns mehr auf die Naturwissenschaften konzentrieren? Sie sind es immerhin, die unsere Wirtschaft antreiben und damit unseren Wohlstand.

Wir verlieren dadurch unglaublich viel: Inspiration, Trost, Gemeinsinn, einen Teil unserer großen abendländischen Tradition. Wir verlieren die Möglichkeit, Dinge zu entdecken und zu erfahren, die größer sind als wir selbst. Das ist der Sinn ästhetischer Erfahrungen, ohne die wir alle in unserer Vorstellungskraft sehr viel ärmer würden. Wissen Sie, wie wichtig ein gutes, ja trainiertes Vorstellungsvermögen für die Lösung wirklich schwieriger Fragen ist?

Welche Rolle spielen die neuen Medien?

Die Musikhochschulen in aller Welt sind voll von jungen Talenten, die inzwischen auf einem nie dagewesenen Niveau musizieren. Sie glauben doch nicht, dass all diese jungen Künstler ohne Smartphone und Internet und ohne Pop-Musik aufgewachsen sind! Aber sie alle hatten das Privileg, dass ihnen irgendwann irgendwer die Tür zur klassischen Musik geöffnet hat. Zugang zur Musik sollte kein Privileg sein, sondern wieder zur Selbstverständlichkeit werden.

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