Günter Grass : „Wir sind mitten im Krieg“

Gewohntes Bild: Im Jahr 2000 wurde Günter Grass zum Pfeifenraucher des Jahres gekürt. Auch in seinem Atelier raucht er.  Fotos: josefine rosse
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Gewohntes Bild: Im Jahr 2000 wurde Günter Grass zum Pfeifenraucher des Jahres gekürt. Auch in seinem Atelier raucht er.

Senioren und Schüler aus Schwerin treffen den Literaturnobelpreisträger ganz privat bei sich zu Hause in Behlendorf bei Lübeck

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31. März 2015, 12:00 Uhr

Günter Grass sitzt in seinem Atelier. Auf seinem Schreibtisch ruht eine unfertige Zeichnung. Er zieht an seiner Pfeife. Die Streichhölzer liegen in seinem Schoß. Grass lebt abgeschieden in der Gemeinde Behlendorf bei Lübeck, inmitten von Wald und Wiesen. Von seinem Schreibtisch aus blickt er auf einen weitläufigen Garten. Hier und da stehen Skulpturen. Die meisten hat er selbst angefertigt. Hündin Minka rennt über den Hof. Sie ist aufgeregt. Heute hat sich Besuch angekündigt.

Die Teilnehmer des Projektes „Grass verbindet Generationen“, das von der Volkshochschule Schwerin und dem Tanztheater Lysistrate initiiert wurde, kommen um 17 Uhr mit einem Reisebus an. Eineinhalb Jahre lang haben sie sich auf die Spuren von Günter Grass begeben, waren in seiner Geburtsstadt Danzig, haben seine Prosatexte und Romane gelesen und am Ende ein Theaterstück entwickelt, das Tanz, Lyrik sowie Musik vereint – und das Jung und Alt zusammenbringt. „Gerade in dieser schnelllebigen Zeit, in der die neuen Kommunikationsformen Menschen in die Vereinsamung treiben, freut es mich zu sehen, dass sich Jung und Alt auf Augenhöhe begeben“, sagt Grass.


Aus Nebeneinander wird Miteinander


An diesem Nachmittag hat er sich eine Stunde Zeit genommen, um mit den Senioren und Schülern zu diskutieren, über seine Bücher und Kunst, über das Leben, über Politik. „Ich bin im Verlauf meines Lebens immer wieder gefragt worden, was bist du denn zuallererst? Schriftsteller, Grafiker oder Bildhauer? Ich kann darauf keine schlüssige Antwort geben. Ich habe von meiner Mutter mehrere Talente mitbekommen.“ Der Nobelpreisträger gibt den Schülern einen Rat: „Wenn Sie, die Jüngeren, vor der Frage stehen, soll ich das machen oder das andere lassen, stellen Sie sich die Frage nicht, tun Sie beides.“

Günter Grass ist gerne mit jungen Menschen zusammen. Er selber hat acht Kinder, 18 Enkel und mittlerweile einen Urenkel. „Wenn die Deutschen aussterben, an mir liegt es nicht“, scherzt er und wird im selben Moment ganz ernst: „Ich sehe mit einer gewissen Sorge, dass das Familienleben so verplant ist, dass Kinder heutzutage kaum noch Zeit haben Kind zu sein. Ich bin wirklich in bedrängten Zeiten aufgewachsen, in Kriegszeiten, aber gemessen daran habe ich mehr Zeit gehabt.“

Grass wurde 1927 in Danzig geboren, der Stadt, in der auch seine berühmten Romane „Die Blechtrommel“ und „Katz und Maus“ spielen. Er gilt als einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. „Weil er in munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte zeichnete“, erhielt er 1999 den Literaturnobelpreis. Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass Grass in der Waffen-SS gedient hat. Die Erinnerungen an diese Zeit des Krieges hätten sich tief in sein Gedächtnis gebrannt. Dass sich die Geschichte wiederholen könnte, sei kein Hirngespinst mehr: „Wir haben seit über drei Jahren Krieg in Syrien, wir haben in Libyen einen um sich greifenden Krieg und die Gefahr eines Krieges in der Ukraine. Insofern habe ich die Sorge, dass wir schon mitten im Krieg sind.“ Dass die Menschheit nicht aus der Vergangenheit lerne, bestürzt ihn: „Heute sind wir unterrichtet und dennoch doktern wir ständig an Symptomen herum. Die Gefahr des Islam: Diese Religion ist seit Jahrhunderten bekannt. Es gibt so viele Überschneidungen in den drei großen Weltreligionen und dennoch bekriegen sie sich.“

Und auch zu der aktuellen Flüchtlingspolitik hat der Schriftsteller eine Meinung: „Am Ende des Zweiten Weltkrieges gab es in Deutschland 14 Millionen Flüchtlinge. Deutsche. Meine Eltern wurden bei rheinischen Großbauern zwangseinquartiert und wurden wie der letzte Mist behandelt. Dennoch war es richtig, dass man damals in allen vier Besatzungszonen zu dem Zwangsmittel Zwangseinweisung gegriffen hat. Wenn man das nicht getan hätte, hätten wir Flüchtlingslager bekommen bis in die nächste und übernächste Generation.“ Grass ergänzt: „Das war der Motor – jedenfalls was Westdeutschland betrifft – für das sogenannte Wirtschaftswunder. Das sollten wir uns in Erinnerungen rufen. Was spricht dagegen, dass wir auch heute Menschen hier aufnehmen und davon auch profitieren?“

Günter Grass so nah zu sein, hätte sich der Schweriner Manfred Biskup nie träumen lassen: „Ich habe ihn einmal in den 90ern in Schwerin erlebt. Ihn privat zu treffen, ist ein fantastisches Erlebnis.“ Dabei hat sich Biskup lediglich zu dem Generationsprojekt „breitschlagen“ lassen. „Im Nachhinein bereue ich es nicht. Die Schülerinnen waren tolerant, lieb und freundlich. Sie könnten ja unsere Enkelinnen sein.“

Eine neue „Omi“ hat auch die Abiturientin Annika Bäumer gefunden. „Wir haben viele Diskussionen geführt, in Danzig, aber auch während unserer Proben. Dabei sind wir uns näher gekommen. Seit dem Projekt habe ich viel mehr Verständnis für die ältere Generation. Aus dem Nebeneinander ist ein Miteinander geworden.“ Das Ergebnis des Theaterprojektes wurde bereits dreimal aufgeführt. Nun ist im Gespräch, es auch in Lübeck auf die Bühne zu bringen – damit auch Günter Grass dabei sein kann. „Das würde mich sehr freuen“, gibt der Schriftsteller zu.

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