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Willkommen im Hussel-Reich

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erstellt am 08.Dez.2012 | 02:17 Uhr

Güstrow | Kaum vorstellbar, dass in einem ostdeutschen Bücherschrank (und in vielen westdeutschen) kein von Horst Hussel illustriertes Buch zu finden sein sollte. Schauen Sie doch gleich mal nach. Stanislaw Lems "Robotermärchen", "Der Hexenschlitten", "Der Holzwurm und der König. Märchenhaftes und Wundersames für Erwachsene", "Der Theaterprofessor und andere Käuze" von Armin Stolper, bestimmt Christian Morgensterns Gedichte oder Wolf Spillners Kinderbuch "Der Luftballon und die Warzenkröte".

Eine Illustration aus diesem Buch ist auch in der wunderschönen Ausstellung "Horst Hussel. Poesie und Eigensinn" zu sehen, die gestern im Güstrower Schloss eröffnet wurde. Man könnte diese Schau durchaus als kleine Retrospektive betrachten, auch wenn in zwei Jahren, zu Hussels 80. Geburtstag, eine große Übersicht über das Lebenswerk folgen muss - in Berlin oder Greifswald, seiner Geburtsstadt.

Aber wir haben auch hier, im historischen Wirtschaftsgebäude des Schlosses, bereits den ganzen Hussel. Den ungemein produktiven Illustrator, den Grafiker, dessen Handschrift so unverwechselbar wie einzigartig-eigenartig ist und den schlitzohrigen Erzähler in Wort und Bild.

Anlass für diese Ausstellung ist eine Schenkung: Der Berliner Kunstsammler Christoph Müller, der im kommenden Jahr dem Staatlichen Museum Schwerin 153 Gemälde seiner Niederländer-Sammlung schenken wird, trennt sich bereits jetzt von 75 Werken Hussels, das älteste, eben jene Warzenkröte, entstand 1979, die meisten anderen Arbeiten sind jüngeren Datums. Müller, so schreibt er im Katalog zur Ausstellung, schätzt an Hussel, die "absichtsvolle Arglist", mit der er der Welt eulenspiegelnd eine Nase dreht. Hussels Landschaftsbilder, vorsichtig kolorierte, geistig-abstrakte Liniengebilde, vor allem die "hinreißend zarten Dünen-Wasser-Himmel-Gespinste" adelt Müller als "progressivsten grafischen Beitrag … zur Kunstgeschichte der Landschaftsdarstellung". Und zieht zugleich eine Linie zu seinen geliebten Holländern.

Auch der Hussel-Kenner Friedrich Dieckmann schreibt über den Landschafter Hussel: "Mir ist, als ob es keinen bedeutenderen gebe in der deutschen Druckgraphik der Gegenwart." Nun ja. Man könnte noch mindestens einen weiteren nennen, aber das wäre, um in der Landschaft zu bleiben, ein viel zu weites Feld.

Wer Hussel bislang vor allem als leidenschaftlichen Buchkünstler und Graphiker kannte, lernt in Güstrow auch den Dichter, den Parodisten, den Schöpfer absurder Wirklichkeiten kennen. Künstlerfreunde nahm er als bizarre Käferpersönlichkeiten in seine "Sammlung der "merckwuerdigsten Kaefer der Mark Brandenburg" auf. Für Stefan Heym erfand er das "Strahlende Glühwürmchen", für andere den "Gefährlichen Bombastiker" oder den "Verdeckten Maikäfer". Auch dass die Musikgeschichte neu geschrieben werden muss, nachdem Hussel den vergessenen Komponisten Albrecht Kasimir Bölckow aus Gägelow bei Sternberg wiederentdeckt hat - eine Kunst-Künstlerfigur - oder für die revolutionäre mecklenburgische Exil-Räterepublik eine Währung entwarf (1 Boll, 1 Mekel), unterstreicht die Ausnahmestellung dieses Meisters, der zwischen allen Stühlen sitzt und Narrenkönig eines eigenen Landes ist: des Hussel-Reiches.

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