Premiere bei der Fritz-Reuter-Bühne : Wenn echte Kierls sik nakicht maken

<fettakgl>Jens Tramsen, Jonathan Prösler, Andreas Auer, Bernhard A. Wessels  und Christoph Reiche</fettakgl> (v. l.) trainieren in 'Barfaut bet an Hals' für den Tanz aus dem Prekariat. <foto>Silke Winkler</foto>
Jens Tramsen, Jonathan Prösler, Andreas Auer, Bernhard A. Wessels und Christoph Reiche (v. l.) trainieren in "Barfaut bet an Hals" für den Tanz aus dem Prekariat. Silke Winkler

... und jeder geht zufrieden aus dem Haus", ließ Weiland der Geheimrat aus Weimar seinen Theaterdirektor tagträumen. Was jenem Traum, war am Dienstagabend im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheater Wirklichkeit.

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20. Juni 2012, 07:33 Uhr

Schwerin | "... und jeder geht zufrieden aus dem Haus", ließ weiland der Geheimrat aus Weimar seinen Theaterdirektor tagträumen. Was jenem Traum, war am Dienstagabend im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheater Wirklichkeit. Man sah kaum einen Theaterbesucher, der sich beim Hinausgehen nicht noch die letzten Lachtränen aus den Augenwinkeln gewischt hätte. Die niederdeutsche Fritz-Reuter-Bühne hatte mit ihrer jüngsten Premiere, der Komödie "Barfaut bet an’ Hals", einen Generalangriff auf die Zwerchfelle unternommen und dazu die ursprünglich aus Neuseeland stammende und unter dem Titel "Ganz oder gar nicht" auch schon verfilmte "Ladies Night" (Sinclair/McCarten) in die mecklenburgische Provinz verlagert. Jene Geschichte von ein paar Arbeitslosen, die als Männerstrip-Truppe à la "Chippendales" ihrem sozialen Dilemma zu entrinnen trachten. Der Plot ist schlicht, die Umsetzung (Regie und Choreographie: Klaus Seiffert/ Ausstattung: Barbara Krott) aber schmissig und furios.

Das Männersextett Andreas Auer, Bernhard A. Wessels, Jens Tramsen, Detlef Heydorn, Jonathan Prösler und Christoph Reiche agiert witzig, komisch, berührend zwischen Jobcenter-Tristesse, chronischem Geldmangel, den Tücken gescheiterter Ehen und den Blütenträumen einer Bühnenkarriere. Sie ackern unermüdlich für ihr Ziel und beantworten die gefühlt hundertmal musikalisch eingespielte grönemeyersche Frage, wann denn nun ein Mann ein Mann sei, ebenso wie der Herbert mit: "Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich!"

Den Männerreigen komplettieren Roman Wergow als traurig scheiternder Stripper-Kandidat sowie Jörg Wilcke und Claas Baumann als Polizisten, die ausschauen, als hätte man Asterix und Obelix in Uniformen gesteckt, und Heiterkeitsausbrüche auslösen. "Frugenslüüd" kommen in diesem Stück nur am Rande vor, so Elfie Schrodt als patente und unternehmungslustige Kioskinhaberin Gertie, Arja Sharma als Ehefrau eines der Helden und zwei gackernden Gänschen (Cornelia Bendig, Annemarie Dobbert). Ist das eigentlich noch erlaubt im Zeitalter von Gender und so? Wo bleibt die Frauenquote? Gibt es schon erste Proteste von Gleichstellungsbeauftragten? Das Premierenpublikum schienen solche Skrupel nicht zu plagen. Das Ganze war ganz nach seinem Geschmack. Es wurde gelacht, gejuchzt, gekreischt (wenn’s etwas pikanter wurde) und applaudiert, was das Zeug hielt. Einen wahren Beifallssturm gab es während des rasanten Finales. Und danach wurden die Akteure durch den lang anhaltenden Beifall mehrfach auf die Bühne zurückgeholt. Sogar eine tänzerische Zugabe erklatschte man sich.

Doch eines ruft den Beckmesser in mir auf den Plan. "Barfaut bet an’ Hals"? heit dat Stück. Dat ik mi nich dotlach. Bi den groten Uttrecken wiern de Kierls twors tämlich nakicht, äwer sei harrn noch Schauh un Strümp an ehr Fäut. Also von wägen "barfaut"…

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