Leben mit Leukämie : Wenn der Wind nur noch von vorn kommt

Durch seine Krankheit  hat Markus König zur Musik zurückgefunden.
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Durch seine Krankheit hat Markus König zur Musik zurückgefunden.

Der Leipziger Markus König hat seine Erfahrungen mit einer seltenen Form der Leukämie in einem Buch verarbeitet – erschienen ist es in Mecklenburg

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11. September 2015, 12:00 Uhr

„Was für’n Sommertag, die Wolken ziehn dahin. Was für’n Sommertag, wir vergessen, wo wir sind…“ Markus König schließt die Augen, während er auf der Terrasse seines Hotels am Rande der Lewitz eines seiner Lieder anstimmt. Dann lässt er den Blick über die weite mecklenburgische Landschaft schweifen – die Landschaft, in der er einst zu gesunden begann und in die der Leipziger seitdem zusammen mit seiner Frau Annette immer wieder zurückkehrt.

Es ist sechs Jahre her, dass die Welt des selbstständigen Malermeisters und Hobbymusikers aus den Fugen geriet: Leukämie lautete die Diagnose, der ein plötzlicher Zusammenbruch und eine Phase fortwährender Erschöpfung vorausgegangen waren. „Manchmal verändert sich das Leben unmerklich und wir spüren die Scherben nicht, auf denen wir barfüßig weitergehen. Oder aber der Wind kommt einfach nur von vorn – ein stürmischer Angriff, dem wir nichts entgegenzusetzen wissen, der ratlos und verzweifelt macht“, beschreibt Markus König heute rückblickend diese Zeit.

Nur etwa 150 Menschen in Deutschland erkranken jährlich an einer Haarzell-Leukämie, einer sehr seltenen Blutkrebs-Form. Sie gilt als nicht heilbar, ist aber gewöhnlich mit einer Chemotherapie gut behandelbar. Markus König unterzog sich dieser dessen ungeachtet körperlich sehr belastenden Tortur – und begann in der anschließenden Reha, Tagebuch zu schreiben. Aus der Not heraus, weil es keinen Internetzugang gab und selbst das Telefonnetz so schlecht war, dass er nur selten mit seiner Frau sprechen konnte, erinnert er sich. Doch schon bald bestimmte wieder Routine seinen Alltag, nichts passierte mehr. „Also habe ich alles im Laptop abgespeichert und es lange nicht mehr angerührt.“

In diese Zeit der langsamen Genesung fiel Königs erste Reise nach Mecklenburg. „Meine Frau hatte nach meiner Chemo in Mirow eine Ferienwohnung für uns gemietet“, erzählt Markus König. Die Weite der Landschaft und die Offenheit der Menschen, die sie so gar nicht erwartet hatten, begeisterte die Eheleute. Vor allem aber hatte – und hat – es ihnen „Kunst offen“ angetan, die Pfingstaktion, die sie seither alljährlich immer in anderen Landesteilen besuchen. Unweit der Landeshauptstadt, in Banzkow, lernte Markus König so auch seinen heutigen Verleger Stephan Bliemel kennen – ein Gewinn für beide Seiten, wie sie beteuern.

Mittlerweile hatte der Leipziger nämlich auch wieder zu schreiben begonnen. Die Vorsitzende der Haarzell-Leukämie-Hilfe, der er von seinem Tagebuchfragment erzählte, hatte ihn dazu ermuntert. Allerdings warf ein Wiederaufflammen der Erkrankung Markus Königs Pläne noch einmal durcheinander. Nicht nur, dass er nicht mehr zum Schreiben kam – wochenlang kämpfte der heute 53-Jährige ums Überleben. „Als ich das überstanden hatte, habe ich alles noch einmal neu geordnet und vieles neu geschrieben“, erzählt der Leipziger. Herausgekommen sei eher ein Roman als ein Tatsachenbericht, meint er – und nein, das Schreiben habe für ihn keine therapeutischen Züge gehabt, es habe einfach Spaß gemacht. Es sei auch nicht so gewesen, dass er anderen Erkrankten mit seinen Zeilen Mut machen wollte. „Aber wenn mir jetzt fremde Menschen schreiben, genauso hätten sie es auch erlebt, dann freut mich das natürlich.“

Bei vielen Schilderungen habe er lange überlegt. Krankheit sei ja etwas sehr Persönliches – „aber wie sollte ich ehrlich etwas schreiben, wenn ich nicht auch Persönliches von mir preisgebe?“ Es sollte ja eben kein Rosamunde-Pilcher-Roman werden, sondern widerspiegeln, welche Dinge ihn sprachlos gemacht oder zum Weinen gebracht hätten – und worüber er auch heute noch lacht. Seine Frau allerdings verweigert es standhaft, das Buch zu lesen. „Ich will einfach nicht noch mal auf alles gestoßen werden“, gesteht Annette König.

Und doch kommt sie nicht umhin – über die Musik ihres Mannes, zu der er, wie er sagt, erst durch die Krankheit wieder zurückgefunden hat. Vor der Wende tourte Markus König mit den Amateurbands „Kaktus“ und „D.R.E.I.S.T.“ durch die DDR. Seit einigen Jahren hat er mit „Peccadillo“ und „Liedgood“ zwei neue Bandprojekte, tritt außerdem, wenn Beruf und Familie Zeit dafür lassen, auch mit einem Soloprogramm auf. Vor allem dafür schreibt er die Lieder selbst – „und in die Texte fließen immer auch Passagen aus meinem Buch mit ein“. Beide, Buch und Soloprogramm, tragen auch den gleichen Titel:„Manchmal kommt der Wind einfach nur von vorn“.

Dieser Wind ist zwar schwächer geworden, aber er hat nie aufgehört, Markus König ins Gesicht zu blasen. „Nach der ersten Chemo bin ich völlig unbeschwert zu den Kontrolluntersuchungen gegangen. Jetzt, nach der zweiten, muss ich vierteljährlich zum Arzt und bin jedes Mal schon Tage vorher hochgradig nervös – und anschließend regelrecht euphorisch, wenn wieder alles gut gegangen ist.“ Dann ruft er sofort seine Frau an. Und dann kann er auch wieder die schönen Spätsommertage genießen und zuschauen, wie die Wolken ziehn. Und der Wind streichelt dabei sein Gesicht.

Veranstaltung: Lesung  mit  Musik

Heute   um   19.30  Uhr  wird  Markus König im Galeriecafé „Alte Feuerwehr“ Banzkow (Störstraße 5)  aus  seinem Buch „Manchmal kommt der Wind einfach nur von vorn“  lesen.  Außerdem  gibt  der Liedermacher  auch  musikalische   Kostproben  seines  Könnens. Der  Eintritt zu  Lesung  &  Konzert   ist  frei, Spenden in den Hut sind erwünscht.

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