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Film "Weltbahnhof mit Kiosk" : „Wenn das schon als mutig gilt...“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Filmemacher staunen über die Resonanz auf einen Film über das wahre Leben. NDR verspricht erneute Ausstrahlung im Hauptabendprogramm

svz.de von
erstellt am 16.Dez.2015 | 21:00 Uhr

Mutige Filme braucht das Land. In der Medien- und Kulturlandschaft gehört ja Kritik am Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk zum guten Ton. Einer der Vorwürfe: kein Mut zu anspruchsvollen Produktionen und wenn, dann Sendeplätze jenseits der Primetime. Ob politische oder gar investigative Magazine oder Dokumentationen – sie erlägen den massentauglichen Spaßformaten.

Die kleine, feine Doku über den „Weltbahnhof mit Kiosk – Begegnungen von Stammgästen und Flüchtlingen“ bestätigt das Klischee vordergründig: Sendeplatz 0.30 Uhr. Und dennoch fand der Film ein vergleichsweise massenhaftes Publikum (wir berichteten).

Elke Haferburg, Direktorin des NDR-Landesfunkhauses MV, fühlt sich bestätigt: „Ich gebe ja einen solchen Film nicht in Auftrag, wenn ich mir nicht eine gewisse Wirkung verspreche. Aber dass es so ein Erfolg wird, hätte ich nicht zu hoffen gewagt.“ Im Januar soll der Film noch einmal ausgestrahlt werden – im Hauptabendprogramm.

Seit Tagen berichten Medien landauf, landab über den Film aus dem Nordosten. Von gehässig bis begeistert reicht das Meinungsspektrum. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte sie „eine hübsche Geschichte über das Prinzip Vorurteil“.

Dass der Hype einem Effekt in den sozialen Netzwerken zu danken ist, wie ihn kein Programmvermarkter hätte konzipieren können, ist geschenkt, findet Elke Haferburg. Wichtig war ihr, dass die NDR-eigenen Online-Kollegen den absurd verkürzten Postillon-Post ganz schnell aufgriffen, um eine Einordnung erweiterten und die Nutzer der Netzwerke zum eigentlichen Film hin lenkten. Der NDR-Post wurde bis gestern über 460 000-mal abgerufen. Viraler Effekt: Der Halbstunden-Film wurde sagenhafte 67 947-mal (Stand gestern Nachmittag) aus der Mediathek oder von der NDR-Webseite heruntergeladen – und damit wohl mehr als doppelt so viele Zuschauer hatte, wie bei der TV–Ausstrahlung.

Dokumentarfilmer Dieter Schumann ist dem NDR dankbar, dass er die Boizenburg-Produktion so kurzfristig ermöglichte. „Das ist nicht selbstverständlich.“

Die Menschen im Boizenburger Kiosk, die sich den „Eindringlingen“ vom Fernsehen öffneten, fühlten sich offenbar keineswegs bloßgestellt, wie mancher politisch überkorrekte Kommentator meinte. Sie müssen es am besten wissen: Schumacher und sein Kameramann Michael Kockot hatten ihr Werk noch vor der TV-Ausstrahlung ihren Protagonisten im Kiosk voraufgeführt. „Ich hatte den Eindruck, dass sie stolz waren“, resümiert Schumann.

Die massive mediale Resonanz verstört den erfahrenen Filmemacher beinahe. „Man kann doch nur staunen, wenn es schon als ,mutig und besonders ehrlich‘ gilt, wenn man Leuten einfach unvoreingenommen zuhört, ihre unterschiedlichen Meinungen aufnimmt und dem Zuschauer gestattet, mit seinen Gefühlen und Gedanken sich selbst zu positionieren“, wundert er sich. „Es gibt sehr, sehr viele Leute, die gerade so über die Runden kommen trotz Schichtarbeit. Sie schlachten nächtens Schweine in der Fabrik oder buckeln Möbel in die Wohnungen anderer. Sie haben mehr Mühsal als Freude im Leben und für sie sind eine Stammkneipe und der Fußball ihr Labsal für die Seele. Auch sie bezahlen Gebühren und Steuern, sollen wählen und wollen gut regiert werden.“ Wolle man nicht, dass diese Menschen NPD oder AfD wählen oder dass sie Flüchtlingsheime anstecken, müsse man sich ihnen geradezu liebevoll zuwenden. „Und das passiert am besten, wie in unserem Fall, wenn man ihnen zuhört, sich für ihre Geschichten interessiert und ihnen eine eigene, bestenfalls sogar poetische Betrachtung wiedergibt. Dass hat unsere Vorpremiere gezeigt: Wie sie weich werden und dankbar sind, dass über sie ein Film gemacht wird – und zwar so, wie sie sind.“ Schumann erlebt zum ersten Mal, „wie vernetzt und ganzheitlich öffentliches TV und anarchistisches Social Network zusammenwirken“. Der Film habe größere Wirksamkeit im Netz als im TV erhalten, mit tausenden, teils sehr differenzierten Kommentaren. „Mit einem Mal passiert Interaktion in Form richtiger Auseinandersetzung, wie wir sie uns als Medienmacher im besten Fall wünschen.“

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