Weit über den Augenblick hinaus

<fettakgl>Thomas Hoepker</fettakgl> <foto>Christian Popkes</foto>
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Thomas Hoepker Christian Popkes

svz.de von
12. Juni 2012, 07:40 Uhr

Schwerin | Das erste Foto ist Erich. Erich Honecker, als offizielles Porträt, aber in den Staub getreten und mit ausgestochenen Augen. Im Bilderrahmen daneben küsst sich ein ostwestliches Paar am 3. Oktober 1990 vor dem Brandenburger Tor. Beides sind Aufnahmen, die der Fotograf Thomas Hoepker gemacht hat. Erst im Raum hinter diesen beiden Fotografien beginnt die eigentliche Ausstellung "Thomas Hoepker - Drüben Leben. Fotografien aus Ostdeutschland von 1974 bis 1991", die am 14. Juni im Schwerin Schleswig-Holstein-Haus als Höhepunkt des Kultursommers eröffnet wird.

Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte sei aktueller denn je, sagt Ausstellungskuratorin Antje Schunke, die Hoepkers Bilder aus dem Bestand des Deutschen Historischen Museums ausgewählt und zu Themenblöcken gruppiert hat. "Außergewöhnliche und doch vertraute Sichtweisen" auf das Leben in der DDR böten Hoepkers Bilder, so Schnunke. Die Ausstellung gehe der Frage nach, "an welchen Stellen sich das sozialistische Leben verorten lässt, zum anderen, wo die eigene, weil selbstbestimmte Existenz anfängt und wie sie sich artikuliert", so Schunke.

Außergewönliche Bilder sind es in der Tat - und im doppelten Sinn. Denn Hoepker, 1936 geboren, fotografischer Autodidakt, aber seit 1964 für die Illustrierte "Stern" tätig und später Mitglied der berühmten Agentur Magnum Photos, die er 2003 bis 2007 als erster Deutscher leitete, ist einerseits ein Jahrhundert-Fotograf. Wirklich außergewöhnlich ist aber, dass er und sein Frau, die Journalistin Eva Windmöller, von 1974 bis 1976 für den Stern in der DDR nicht nur arbeiteten, sondern auch lebten - als einzige akkreditierte westdeutsche Journalisten. Hoepkers Fotografien sind deshalb Bilder von einem, der nicht dazugehörte, aber dabei war, und zwar mittendrin.

Hoepker fotografierte offizielle Kundgebungen und Paraden, die allgegenwärtige Propaganda, aber auch private Momente. Er fotografierte die Fassade und dahinter, aber immer mit Respekt für die Menschen vor seiner Kamera und mit einem Blick für skurrile Momente. Wenn Hoepker während der Parade zum 35. Jahrestag der DDR einen Volksmarine-Matrosen aufnimmt, der seine Freundin küsst, dann wirkt das natürlich wie ein Zitat von Kollegen Alfred Eisenstaedts berühmtem "Kuss auf dem Times Square" 1945. Aber Hoepkers Bild erzählt nicht von überschäumender Lebensfreude am Tag des Kriegsendes, sondern eine ganz andere Geschichte - nämlich die von der kleinen Freiheit , die sich auch in einem totalitären Staat abseits des Gleichschrittes findet, von Sinnesfreuden buchstäblich hinter dem Rücken der Staatsmacht.

Es sind einmalige Bilder. "Authentisch DDR-lich" nennt Wolf Biermann die Fotografien im Vorwort zu Hoepkers Buch "DDR Ansichten". Biermann hatte sich vor seinem Rausschmiss aus der DDR mit dem Fotografen angefreundet und attestiert ihm mehr "De-De-Ehrlichkeit" als den Werken der DDR-Fotografen. Ein Bild hat es Biermann besonders angetan als Sinnbild der fragilen, längst instabilen sozialistischen Idylle: Eine schöne junge Frau sonnt sich im Bikini - auf dem Dach eines beängstigend maroden Hauses in der Altstadt von Weimar.

Selbst aus auf offiziellen Presseterminen und damit unter den Augen der Staatsorgane entstandenen Fotos machte Hoepker doppelbodige Werke, allein durch das Auge für Moment und Motiv. Da sitzen Mann und Frau stolz in ihrer neuen Neubauwohnung, der schwer beladene Kuchentisch erzählt vom verwirklichten Paradies der Werktätigen - wenn nur die beunruhigend voluminöse Schnapsflasche nicht wäre... Der "Junge in einem Hinterhof", ist von 1975 - aber Berlin-Mitte sieht auf dem Bild aus wie die Slums von New York des späten 19. Jahrhunderts auf den Fotografien von Jacob Riis. Und das Gesperrt-Schild an der "Straße der Befreiung" in Berlin ist keine Kunst - aber man muss es überhaupt sehen.

Hoepkers Blick auf die DDR endet nicht mit der Wende. Besser, als mit dem Foto einer Frau, die in einem provisorischen Supermarkt-Zelt bei Rostock skeptisch die lila Milka-Kuh beäugt, kann man das Unbehagen über das ersehnte, aber doch monströse Warenangebot des Westens kaum illustrieren.

Untergegangen, längst nicht mehr da, aber in vielen Seelen und manchen Herzen immer noch gegenwärtig - der Lebensraum DDR. Thomas Hoepkers Fotos leuchten ihn aus, mit Momentaufnahmen, die weit über den Augenblick hinausweisen. Viele Motive sind dabei, die man im persönlichen, mentalen Archiv speichern sollte. Fazit: Diese Ausstellung muss sehen, wer über Bildjournalismus oder sogar über die DDR reden will.

Und wer sich nicht erneut mit dem Thema DDR auseinandersetzen will, wer seine Gewissheiten behalten oder pflegen möchte - auch gut. Er verpasst allerdings eine wunderbare Gelegenheit zum Nachdenken.

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